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07-08/2026

Wenn der Ball rollt, steigt die Gewalt

Wenn der Ball rollt, steigt die Gewalt
Foto: Shutterstock
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  • Veröffentlicht: 10.07.2026
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Rund um Fußball-Großereignisse wie die WM steigt das Risiko für Frauen, Opfer von häuslicher Gewalt zu werden. Warum Sportereignisse bestehende Dynamiken verstärken und welche präventiven Maßnahmen Expert:innen fordern.

Der „WM-Sommer“ lässt die Emotionen hochkochen. Die Welt ist im Fußballfieber und feiert und trauert solidarisch mit ihren Lieblingsmannschaften mit. Lokale bieten gut besuchte Public Viewings an – für besonders passionierte Zuseher:innen sogar frühmorgens – und Schanigärten werden zu mit Bildschirmen ausgestatteten Hotspots für Fußballfans. Doch während die Weltmeisterschaft Millionen von Menschen in ihren Bann zieht, rückt durch Gewalttäter eine Schattenseite des Events in den Vordergrund: Rund um Großereignisse wie die WM nimmt häusliche Gewalt zu, wie internationale Studien belegen. Was bei vielen Fans für euphorische Gefühle und ein Gemeinschaftsgefühl sorgt, bedeutet für einige Frauen ein erhöhtes Risiko, Opfer von Gewalt zu werden.

Gewalt nach dem Abpfiff

Dass häusliche Gewalt rund um große Fußballturniere zunimmt, ist kein neues Phänomen. Eine Studie der Universität Lancaster untersuchte bereits die Weltmeisterschaften 2002, 2006 und 2010 anhand von Polizeidaten aus England. Das Ergebnis: An Spieltagen der Nationalmannschaft stieg die Zahl der gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt um 26 Prozent, wenn England gewann oder unentschieden spielte. Verlor die Mannschaft, lag der Anstieg sogar bei 38 Prozent.

Auch neuere Untersuchungen der London School of Economics bestätigen einen Zusammenhang zwischen Fußballspielen und häuslicher Gewalt: In den Stunden nach dem Spiel stiegen die registrierten Vorfälle deutlich an und erreichten ihren Höchststand rund zehn Stunden nach Spielende. Besonders auffällig: Der Anstieg ließ sich bei Tätern beobachten, die Alkohol konsumiert hatten.

„Je später das Spiel beginnt und je länger getrunken wird, desto mehr steigt auch die Gewalt. Alkohol ist nicht die Ursache, aber er enthemmt.“
Romeo Bissuti

Wie dieser Zusammenhang erklärt werden kann, weiß Romeo Bissuti, Obmann von White Ribbon Österreich. Im Zuge ihrer Kampagne „Fairplay in jeder Beziehung“ lädt die Bewegung Fußballbegeisterte ein, gegen Gewalt aufzutreten: „Je später das Spiel beginnt und je länger getrunken wird, desto mehr steigt auch die Gewalt. Alkohol ist nicht die Ursache, aber er enthemmt“, so Bissuti. Er betont außerdem, dass ohnehin bestehende Spannungen durch den Konsum verstärkt werden – etwa verbale und psychische Gewalt, die unter Alkoholeinfluss in körperliche Übergriffe ausarten.

Mehr als ein Spiel

Zusätzlich spielen bei Sportarten wie Fußball auch gelernte Männlichkeitsbilder eine Rolle, denn wer seine Identität stark über „seine“ Mannschaft definiert, erlebt Niederlagen häufig auch als persönliche Kränkung: „Es ist natürlich eine Verletzung des Selbstwertgefühls, wenn man sich sehr mit dem Team identifiziert und dieses dann verliert. Dadurch kann es leichter passieren, dass die Partnerinnen und Kinder zum Blitzableiter der negativen Emotionen werden“, so Bissuti.

Um solchen Gewalttaten vorzubeugen, setzt White Ribbon auf Aufklärung, etwa im Rahmen einer gemeinsamen Kampagne mit dem Österreichischen Fußballverband während der WM. Durch den Aushang von Plakaten auf Herrentoiletten soll auf das Thema aufmerksam gemacht werden.

Susanne Deutsch, Geschäftsführerin des Vereins Wiener Frauenhäuser, ist Befürworterin solcher Maßnahmen. Für sie beginnt die Prävention allerdings lange vor dem tatsächlichen Spiel, weshalb sie an die Politik appelliert: „Es sollte in die Bekämpfung von Gewalt an Frauen und Kindern investiert werden. Und längerfristig lautet die Bildungsmission, Kindern beizubringen, was ein wertschätzender Umgang und Gleichstellung bedeuten. Durch solche Ansätze könnte man womöglich Vorfälle verhindern.“

„Zeige, dass du das nicht unterstützt und es nicht lustig ist – selbst wenn du dadurch die Spaßbremse bist.“
Romeo Bissuti

Wir alle sind gefragt

Abseits von Bildung und Politik sind ebenfalls Veränderungen möglich: So tragen etwa auch Männer, die selbst keine Gewalt ausüben, Verantwortung. Bissuti empfiehlt deshalb als Reaktion auf frauenfeindliches Verhalten: „Zeige, dass du das nicht unterstützt und es nicht lustig ist – selbst wenn du dadurch die Spaßbremse bist. Wir wissen nämlich, dass es ein wichtiges Signal setzt.“

Gleichzeitig bleibt Gewalt in Beziehungen häufig unsichtbar, was es Außenstehenden unmöglich macht, in die Situation einzugreifen. Hier hilft es laut dem Experten, Frauenrechte im Freundes- oder Bekanntenkreis anzusprechen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Haltung das Gegenüber vertritt, und so Muster erkennen zu können.

Die Expert:innen sind sich einig: Sportliche Großereignisse machen ein Problem sichtbar, das längst vorhanden ist. Sie sind nicht per se der Grund für Gewalt, können bestehende Dynamiken aber verstärken und ans Licht bringen. Umso wichtiger ist es deshalb, den Blick nicht nur auf das Spielgeschehen, sondern auch auf jene zu richten, denen nach dem Abpfiff Gewalt widerfährt. Fußball sei „die schönste Nebensache der Welt“, findet Bissuti trotz allem. „Lassen wir es auch dabei und machen wir daraus nicht die schrecklichste Tatsache der Welt: Gewalt an Frauen.“

Hilfe bei Gewalt

Natascha Rady

Online-Redakteurin & Head of Content

Natascha Rady begeistert sich für alles rund um (Pop)Kultur, Feminismus und Gesundheit. Wenn sie nicht gerade ein Buch liest, schreibt sie selbst für die digitale Welt. Die Wienerin ist seit März 2026 Teil des Digitalteams von „Refresh“ und „Welt der Frauen“ und seit Juli 2026 als Head of Content in der Chefredaktion von „Welt der Frauen“ tätig.

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Foto: Lukas Feix


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