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Freie Gedanken über schweres Gepäck<br>ab 4 bzw. 6 Jahren

Der große deutsche Philosoph Walter Benjamin war 1940 zur Flucht gezwungen, aus dem Pariser Exil über die Pyrenäen Richtung Spanien. Dabei hat er zur allgemeinen Verwunderung der anderen Flüchtenden einen schweren Koffer über die bis zu 3400 m hohe Gebirgskette geschleppt. Der Inhalt dieses Koffers war ihm das Allerwichtigste, wichtiger als sein Leben. An der spanischen Grenze wurde ihm jedoch die Einreise verweigert. „Sie müssen umkehren!“ Ungeklärt ist, was dann genau geschah. Und was in seinem Koffer gewesen sein mochte, ist Anlass für Spekulationen. Davon erzählt dieses Bilderbuch

Heuer erinnern wir uns an 1918 und an 1938. Und in unserem Österreich weht seit der Wahl 2017 ein neuer Wind. Viel ist von Sicherheit die Rede und wenig von Frieden. An unseren Grenzen scheint es aufgrund restriktiver Asylgesetze ruhig geworden zu sein. Das Leid zahlloser Menschen, die sich aus unwürdigen oder lebensbedrohlichen Situationen aufmachen müssen, verschärft sich. Wieder ein Land weniger, das hoffnungsvoll angesteuert werden kann. Und etliche Hiesige sind zufrieden und wollen nur, dass man „die neue Regierung doch einmal in Ruhe arbeiten lassen soll!“

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Menschen von hier fliehen mussten. Alleine deshalb, weil ihre außergewöhnlichen Ideen als gefährlich galten, so wie die von Walter Benjamin.

Kürzlich habe ich das Bilderbuch bei einer Fortbildung für Kindergartenpädagogik zur Diskussion gestellt und sofort war da: Das ist doch was für Schulkinder, oder? Und das Thema ist schon schwer, sehr anspruchsvoll. Aber es ist doch selten von Nachteil, Kindern Forderndes zuzutrauen. Mit diesem außergewöhnlichen Bilderbuch gelingt es, sich einzufühlen in die Notlage flüchtender Menschen. Empathie ist wichtigste Voraussetzung für friedlichen Umgang. Gut finde ich die ambitionierte Verlagsempfehlung „für Kinder ab 4 Jahren“. Zweifellos versetzen sich Vor- und Grundschüler*innen reflektierter und realitätsbezogener in die Situation: Wie ist es, seine notwendigsten Habseligkeiten in einem Koffer unterbringen zu müssen? Und Fragen wie „Welche Dinge sind dir die Allerwichtigsten? Worauf kannst DU unmöglich verzichten?“ regen auch Jüngere zu nachdenklichen Gesprächen an. Das Vorsatzpapier zeigt einen offenen, leeren Koffer, der sich in der Vorstellung füllen lässt.

Zu philosophischen Dialogen lädt auch die Machart der Bilder ein. Warum sehen die Soldaten alle gleich aus? Und wieso sind die Menschen, die verhaftet werden sollen, so flächenhaft grau dargestellt, wie Schatten? Warum hat die Künstlerin den Personen, die möglichst unauffällig gemeinsam mit der Fluchthelferin Lisa Fittko auf Herrn Benjamin warten, keine Münder gezeichnet?

Die Sequenz im Buch, in der unterschiedliche Personen über den Inhalt des Koffers rätseln, macht die Schwere des Themas ein wenig erträglicher. Die Generäle in Benjamins Heimatland meinen, darin sei bestimmt eine Geheimwaffe gewesen, ein Kampfroboter. Die Akademiker glauben, es wäre ein Manuskript über die besten philosophischen Ideen. Und die Bergbewohner diskutieren bei Käse und Bier – „50 Dosen Marmelade von seiner Oma!“

Unserer Regierung würde ich das Bilderbuch gerne als Pflichtlektüre verordnen – zum Nachdenken darüber, wie gescheit es ist, die Grenzen dicht zu machen. Und noch dazu meist bereits gut Integrierte wieder „nach Hause“ zu schicken, wie Familien mit Kindergarten- und Schulkindern, nach mehr als 2 Jahren Deutschlernens. Oder junge, motivierte Menschen mitten in deren Lehrausbildung. Was verwehren wir uns selbst, wenn Österreich nicht mehr als gastfreundliches Land wahrgenommen wird? Welche unermesslichen Schätze mögen Flüchtende neben schlimmen Erlebnissen noch mit im Gepäck haben, wenn sie zu uns kommen; welche Qualifikationen, erworben vor welchem kulturellen Hintergrund; Lebensweise, Erfahrungen und neue Sichtweisen auf Daseinsfragen mit eingeschlossen.

Lisa Fittko, die Fluchthelferin, die Walter Benjamin über die Pyrenäen geführt hat, war Österreicherin. Unter Einsatz ihres Lebens hat sie 7 Monate lang mehrmals die Woche den geheimen Weg auf sich genommen. Etwa 80 000 Menschen verdanken ihr Leben dieser „F-Route“, heißt es im Anhang.

Auch ihr setzt die in Deutschland lebende taiwanesische Künstlerin Pei-Yu Chang ein Denkmal. Ein genial gestaltetes, außergewöhnlich konzipiertes und für alle Menschen ab 4 ungemein bereicherndes und grenzerweiterndes Bilderbuch. Benjamin-Kenner werden zahlreiche Anspielungen entdecken.

https://www.peiyuchang.de/#/der-geheimnisvolle-koffer-von-herrn-benjamin/

Pei-Yu Chang (Text + Bild):

Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin

NordSüd Verlag 2017

Ab 4 Jahren

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.