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Messbare Rückschritte: Warum Frauenthemen oft unsichtbar bleiben

Messbare Rückschritte: Warum Frauenthemen oft unsichtbar bleiben
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  • Veröffentlicht: 13.02.2026
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Eine Studie aus dem Jahr 2022 ergab, dass Frauenthemen in den Medien und in der Politik nur wenig Raum erhalten. Wie sieht die Situation heute aus? Ein Gespräch mit Medienexpertin Maria Pernegger.

Als Sie die Studie „Politik – Frauen – Medien“ 2023 präsentiert haben, sprachen Sie davon, dass Frauenthemen in der medialen Berichterstattung als nahezu verschwunden galten. Hat sich seitdem etwas verändert?
Nach wie vor herrscht bei vielen frauenpolitischen Themen eine komplette Unterrepräsentanz. Gleichzeitig hat man in der Gesellschaft das Gefühl, dass es eine Übersättigung gibt, was diese Themen betrifft. Und das, obwohl tatsächlich nach wie vor wenig berichtet wird und verhältnismäßig geringe wirklich große strukturelle Themen für Frauen angegangen werden. Zwar wird am Equal-Pay-Day und am Weltfrauentag über die Anliegen gesprochen, im Alltag sind sie in der medialen und politischen Berichterstattung jedoch sehr rar gesät. Dabei haben wir die Gleichberechtigung noch lange nicht erreicht. 

Sie thematisierten auch, dass nicht nur wenig über frauenspezifische Anliegen gesprochen wird, sondern dass ihre Expertise auch wesentlich seltener gefragt ist als die von Männern.
Das hat sich zumindest in manchen Bereichen gebessert, etwa im Sport, wo inzwischen deutlich mehr Frauen tätig sind. Das haben wir in einer aktuellen Untersuchung herausgefunden. Doch von Parität sind wir auch hier weit entfernt. Insgesamt ändert sich gerade in den großen gesellschaftspolitischen Bereichen sowie im Wirtschafts- und Finanzbereich für Frauen wenig zum Positiven. Im Gegenteil: Wir erleben Rückschritte, die markant und messbar sind. Ein Beispiel stammt aus den USA, wo derzeit sämtliche Programme rund um Diversität und die Gleichstellung von Frauen in Führungspositionen in Unternehmen zurückgefahren werden. Doch darüber wird nicht gesprochen, obwohl das auch in Österreich geschieht, wo es in den ATX-Unternehmen seit 2025 keine weibliche CEO mehr gibt. Nur im Vorstand sind noch Frauen vertreten. Und all das schlägt sich auch in den Medien nieder. 

Warum ist das so?
Weil es vor allem die CEOs der ersten Reihe sind, die die mediale Bühne bespielen. Und dort sehen wir dann diese Rückschritte. Was Frauen betrifft, sprechen wir über Femizide, Gewalt gegen Frauen und das Kopftuchverbot. Das sind jedoch alles polarisierende Debatten, während die wirklich großen strukturellen Herausforderungen wie beispielsweise Altersarmut oder die unbezahlte Care-Arbeit kaum thematisiert werden. Mir fällt auf, dass wir häufig so tun, als könnten wir den Feminismus bereits abhaken. Doch das ist ein Trugschluss, der dazu führt, dass wir einfach zu den nächsten Themen wie LGBTQ übergehen. Die aktuellen Entwicklungen zeigen: Keine unserer Errungenschaften der vergangenen Jahre ist in Stein gemeißelt. Weder bei Quotenregelungen noch bei Entscheidungen über den eigenen Körper – wie etwa Verhütung – noch im Berufsleben, etwa bei gleicher Bezahlung oder Gehaltstransparenz. Und die Entwicklungen zeigen auch, wie unglaublich schnell diese Dinge wieder umgekehrt werden können. 

„Was müssen wir als Gesellschaft ändern, damit diese Tochter ein genauso gutes Leben mit genau denselben Chancen wie mein Sohn erhält?“
Maria Pernegger

In Ihrer Studie hieß es auch, dass nur 33 Prozent der medialen Berichterstattung von Frauen, 77 von Männern stammen. Ist dieser Wert noch aktuell?
Dazu fehlen mir aktuell genaue Zahlen, doch wir werden uns immer noch in diesem Bereich bewegen. Was wir wissen, ist, dass dieses besagte Drittel in der Medienpräsenz zustande kommt, weil Frauen in den Medien besonders oft ohne spezielle Rolle, also ohne Expertise, etwa als optischer Aufputz in der Präsentation oder als Model, vorkommen. Mit rein fachlichen Inhalten, Expertise oder spezifischen Themenbereichen erreichen Frauen oftmals nur einen deutlich geringeren Anteil. Die einzigen beiden Fachbereiche, in denen Frauen stärker medial vertreten sind, sind stereotyp die Gesundheit – jedoch nicht die Medizin – und Bildung. In Bereichen, in denen es um Geld, Macht oder politische Weichenstellungen geht, sind nach wie vor Männer ganz weit vorn. Ein weiterer Grund für die geringe Berichterstattung ist, dass sich in den Redaktionen überwiegend Männer in Entscheidungspositionen befinden, die die Inhalte festlegen. So wird eben nur an Tagen wie dem Equal-Pay-Day oder dem Weltfrauentag über Frauen geredet. 

Selbst an diesen Tagen hat man oft den von Ihnen bereits erwähnten Eindruck, dass die Leser:innen übersättigt sind. Und auch, dass manche von ihnen – Männer wie Frauen – aggressiv auf diese Inhalte reagieren. Das zeigt sich etwa in den sozialen Medien, wenn Frauen auf Probleme aufmerksam machen und Rechte einfordern.
Für manche sind feministische Themen tatsächlich eine Provokation. Das ist nicht nur in den sozialen Medien, sondern auch in den Foren von Nachrichtenportalen wie „Der Standard“ zu beobachten. Untersuchungen zeigen außerdem, dass es einen starken Trend gibt, dass sich Frauen auch deswegen auf diese Seite stellen, um auf der Seite „der Stärkeren“ zu stehen. Und um zu zeigen: „Quoten und all das brauche ich nicht, ich schaffe es auch so, weil ich gut bin.“ Das sind schräge Entwicklungen. Gleichzeitig muss man all das auch richtig einordnen. Es ist nicht die breite Bevölkerung, die das vertritt, was man in den sozialen Medien sieht. Es gibt die Regel, dass sich ein bis maximal drei Prozent der Bevölkerung überhaupt an derartigen Debatten beteiligen. Nur ein Bruchteil davon bringt destruktive Dinge wie Frauenhass und toxische Männlichkeit ein. Es ist nur ein kleiner Teil, doch das Problem ist, dass er sehr sichtbar ist. Einerseits heben die Algorithmen diesen hervor, andererseits ist er sehr gut organisiert und erhält so Reichweite. 

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, um die Situation für Frauen in Politik und Medien zu verbessern, was wäre das?
Ich würde mir wünschen, dass die Verantwortlichen sich vorstellen, ihre Tochter sei betroffen, und sich dann fragen: Was müssen wir als Gesellschaft ändern, damit diese Tochter ein genauso gutes Leben mit genau denselben Chancen wie mein Sohn erhält? Das ist natürlich sehr allgemein gehalten, aber es gibt viele Bereiche, in denen man ansetzen müsste. Ich glaube jedoch, dass dieses Bewusstsein und die Erreichung der Frauengleichstellung entscheidende Indikatoren dafür sind, wie wir als Gesellschaft und als Demokratie dastehen. Die Chancen, die Frauen in einer Gesellschaft haben, sagen viel über diese Gesellschaft und ihre Zukunfts- und Innovationsfähigkeit aus. Es gibt Studien, die zeigen, wie wichtig gemischte Teams und Frauen in Führungspositionen sind, da sie zum Teil besser und wirtschaftlicher führen, also finanziell erfolgreicher sind. Auf diese Potenziale zu verzichten, können wir uns weder am Arbeitsmarkt noch in der Politik oder sonst wo leisten. Und das nicht nur, weil es gegenüber den Frauen unfair ist. Es geht nicht nur um den Gerechtigkeitsgedanken, sondern auch um Wettbewerbsfähigkeit, Standort und Demokratie. Wir können es uns einfach nicht leisten. 

Foto: Susanne Einzenberger / supersusi.com

Zur Person:

Maria Pernegger ist die Geschäftsführerin von „Media Affairs“ und als Expertin für Medien- und Diskursanalysen tätig.

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