Koran und Emanzipation passen sehr wohl zusammen, meint die islamische Feministin Asma Lamrabet. Eine lehrreiche Begegnung in Marokko, die Grenzen sprengt.
Asma Lamrabet hat einen sehr französischen Ort für das Treffen an einem Frühlingstag in Rabat, der Hauptstadt Marokkos, vorgeschlagen. Das Café Paul Prestigia im Universitätsviertel ist bekannt für seine köstlichen Baguettes und Croissants. Männer sitzen vor ihrem Espresso, Studentinnen unterhalten sich kichernd. Ich halte Ausschau nach einer Frau mit Kopftuch, so habe ich Asma Lamrabet auf Bildern im Netz gesehen. Schließlich ist sie die führende islamische Feministin Marokkos, wenn nicht gar Nordafrikas. Doch als sie kommt, erkenne ich sie zunächst nicht. Mit großer Sonnenbrille, schwarzem Pullover und elegantem Seidentuch verströmt sie eine zurückhaltende und gleichzeitig selbstbewusste Eleganz. Kein Kopftuch.
Später erklärt sie, warum sie es abgenommen hat: Jede Frau habe das Recht, zu tragen, was sie wolle. Ihr sei das Kopftuch nicht mehr passend erschienen. Die Medizinerin und Autorin, 1961 in Rabat geboren, gehört zu den VordenkerInnen eines liberalen, reformorientierten und feministischen Islam. In ihren auf Arabisch, Französisch und teilweise auch auf Englisch erschienenen Büchern befreit sie die koranischen Texte und die islamische Tradition von patriarchalen Interpretationen. Dafür hat sich Lamrabet intensiv mit theologischen Fragen beschäftigt. Für sie ist der Koran eine zutiefst egalitäre Heilige Schrift. Religion und Emanzipation passen sehr wohl zusammen, denn es gebe keinen einzigen Vers, der die Überlegenheit der Männer über die Frauen legitimieren würde.
Erst die Interpretation durch männliche Gelehrte in den Jahrhunderten nach der Offenbarung des Koran hätte aus der ursprünglich egalitären Botschaft frauenfeindliche Aussagen gemacht, erzählt sie. Männliche Gelehrte hätten in ihrer Rechtsprechung („fiqh“) diskriminierende Regeln ohne Fundament im Koran aufgestellt. „Die Vorstellung, Frauen bräuchten einen wali, einen männlichen Vormund, ist eine reine Produktion des ‚fiqh‘“, sagt Lamrabet. „Mit dem Koran hat das nichts zu tun.“ Viele Menschen in der arabischen Welt glaubten jedoch, solche Vorschriften seien gottgewollt. Das stimme einfach nicht.
Verfassung und Familienrecht
Marokko hat die männliche Vormundschaft bereits vor 20 Jahren im damals überarbeiteten Familienrecht abgeschafft. Heute sind Frau und Mann rechtlich gemeinsam für die Familie verantwortlich, der Mann ist nicht mehr das Oberhaupt. Auch in Tunesien ist das so, doch Länder wie Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien oder der Libanon halten daran fest. In diesen Ländern streiten FrauenrechtlerInnen bis heute für die Abschaffung einer Vorschrift, die erwachsene Frauen de facto zu Minderjährigen macht.
Doch auch in Marokko sind Frauen in anderen Bereichen rechtlich diskriminiert, obwohl laut Verfassung Frau und Mann gleichberechtigt sein sollen. Es ist das Familienrecht, in Marokko „moudawana“ genannt, das Frauen benachteiligt. In diesem Jahr soll es allerdings zur größten Reform seit 20 Jahren kommen – König Mohammed VI. hatte diese in seiner Thronrede vom Juli 2022 eingefordert und dazu eine Kommission einberufen. In zahlreichen Anhörungen kamen ExpertInnen zu Wort, BürgerInnen durften ihre Meinung zur Reform per E-Mail einreichen. Seither wurde im Land heftig diskutiert. Im Dezember letzten Jahres hat der Justizminister den Entwurf der Öffentlichkeit vorgestellt. Er muss noch vom Parlament verabschiedet werden. Danach werden etwa Kinderehen unter 17 Jahren vollständig verboten. Der Status unehelicher Kinder wird jedoch nicht verbessert.
Auch das frauenfeindliche Erbrecht wird grundsätzlich nicht angetastet. Asma Lamrabet hat sich ganz klar für eine grundlegende Überarbeitung der „moudawana“ positioniert, die auch die heikle Frage des Erbrechts angeht. Nach traditionell-islamischem Recht erhalten Mädchen und Frauen nur die Hälfte dessen, was den männlichen Erben zusteht. Haben Verstorbene keine Söhne, dann müssen die Töchter mit weiter entfernten männlichen Verwandten teilen. Denn Männer müssten mit ihrem Erbe die Familie unterstützen, während Frauen frei darüber verfügen könnten, argumentieren konservative Gelehrte. Die Lebensrealität marokkanischer Familien habe sich verändert, kontert Lamrabet. Nun erhalten Eltern die Möglichkeit, ihren Töchtern zu Lebzeiten Vermögen zu überschreiben, damit sie dieses nach ihrem Tod nicht mehr mit entfernten männlichen Verwandten teilen müssen.
Geschlechterrollen im Wandel
Im ganzen Nahen Osten und in Nordafrika sind die Geschlechterrollen im Wandel begriffen. Frauen sind in den Hochschulen auf dem Vormarsch, sie haben oft die besseren Abschlüsse und drängen verstärkt auf den Arbeitsmarkt. Ob Politik, Wirtschaft, Medien oder Wissenschaft: In allen Lebensbereichen sind arabische Frauen heute, anders als noch vor einer Generation, vertreten. In Marokko sind heute sieben Ministerinnen Teil der Regierung. Lange tabuisierte Themen wie Gewalt gegen Frauen werden heute öffentlich diskutiert. Doch das Familienrecht macht Frauen häufig immer noch zu Bürgerinnen zweiter Klasse. FrauenrechtlerInnen aller Strömungen – säkular wie islamisch – setzen sich für Verbesserungen ein. „Seit der letzten Reform hat sich die Mentalität in Marokko weiter gewandelt“, meint Lamrabet.
Der islamische Feminismus gewinnt an Fahrt. Das Interesse an ihren Thesen sei heute deutlich größer als noch vor 20 Jahren, meint die Feministin. Viele junge Menschen seien auf der Suche nach einem neuen Verständnis des Islam, das in die moderne Welt passt und mit individueller Selbstbestimmung kompatibel ist. Bekannt geworden ist diese Spielart des Feminismus mit der Re Islamisierung der Region nach dem verlorenen Sechs-Tage-Krieg gegen Israel im Jahr 1967. Der islamische Feminismus ist das „ungewollte Kind“ des politischen Islam, so hat es die iranische Forscherin Ziba Mir-Husseini ausgedrückt. Er ist zugleich auch eine Reaktion auf die Versuche von SalafistInnen und IslamistInnen, Frauenrechte wieder zurückzudrehen. „Säkulare Frauen, die sich nie mit Religion beschäftigt haben, taten sich schwer, mit den Salafisten zu argumentieren“, sagt Lamrabet. „Wer aber den Koran und die islamische Tradition kennt, kann den religiösen Eiferern klar machen, dass ihre Ansichten kein Fundament im Islam haben.“
Anfangs war die Skepsis bei den säkularen FrauenrechtlerInnen gegenüber Lamrabet groß. Doch das habe sich inzwischen gelegt, sagt sie. Heute streiten säkulare und islamisch orientierte FeministInnen zunehmend gemeinsam für mehr Frauenrechte. Bei allen Differenzen ist ihnen gemein, dass sie den Wandel von innen heraus anstreben. Hilfe von westlichen FeministInnen suchen sie nicht. „Schließlich kennen wir unsere Probleme selbst am besten.“
Asma Lamrabet ist eine marokkanische Ärztin und befasst sich seit Jahren mit einer gendergerechten Auslegung des Koran.