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Frauenfarben und Männerzahlen

Gelegentlich wundere ich mich schon wie viel bei meinem Engel schon an Erkenntnissen und Wissen hängenbleibt bzw. was er sich in seiner manchmal sehr amüsanten und meistens tatsächlich bestechenden Logik zusammenreimt. Immer wieder Thema war die letzten Monate die Unterteilung in Männersachen und Frauensachen. Beispielsweise erklärte er mir, dass die 2 und die 4 eine Männerzahl wären und die 5 eine Frauenzahl sei. Die 1 ist außerdem eine Bubenzahl. Darüber hinaus wäre rot eine Männerfarbe und lila eine Frauenfarbe. Geometrische Figuren waren auch Teil seiner Überlegungen. Ich war erstaunt, dass es ihm offenbar ein Bedürfnis war die Welt in weiblich und männlich einzuteilen und habe versucht unsere bestimmt pädagogisch wertvollen Gespräche nicht in flammende feministische Grundsatzreden ausarten zu lassen. Was das Anzweifeln des Konzeptes der Einteilung in weiblich und männlich betrifft habe ich klare Worte gesprochen und immer wieder versucht zu vermitteln, dass es eine derartige Einteilung nicht gibt. Gleichzeitig habe ich mich natürlich gefragt, wie diese Diskussion in ein paar Jahren ablaufen wird wenn er meine Grundüberzeugungen zu Geschlecht, Gesellschaft und Gleichberechtigung ganz genau abfragen wird. Es lässt sich wohl kaum verhindern, dass sich die eigenen gelebten Werte auf die Kinder übertragen und ich denke alles andere wäre ein quasi unauthentisches Himmelfahrtskommando. Trotzdem hoffe ich, dass meine Kinder einen eigenen Wertekompass entwickeln und meinen bzw. unseren nur als Anhaltspunkt verwenden.

Vor einigen Tagen plauderte Michael in der Straßenbahn sehr lieb mit einer Mutter mit etwa gleichaltriger Tochter. Sie hatte den Eindruck, dass Michi an ihrer Sonnenbrille interessiert war und gab sie ihm aber nicht zum Halten mit den Worten: „Aber die magst du sicher nicht haben, das ist doch eine Frauenbrille.“ Michi konterte daraufhin schlagfertig und vehement: „Aber es gibt doch gar keine Frauenbrillen!“ und ich war für den Moment sprachlos, stolz und auch irgendwie bestürzt über die direkten Konsequenzen meiner tagtäglichen Diskussionen mit meinem großen, kleinen Fragekäfer. Jedes Wort, jede Handlung und jede Haltung wird von unseren Schützlingen registriert, einsortiert und im Geiste in Zusammenhang gesetzt. Noch mehr Grund wirklich immer ehrlich und authentisch zu bleiben, auch wenn das vielleicht manchmal unbequem ist und exponiert. Was ich in den paar Jahren als Mutter und Pädagogin definitiv schon gelernt habe ist, dass klare Ansagen und auch mal mutige Aussagen immer besser funktionieren, als sich mit Ausreden oder Schwammigkeiten um Unangenehmes herumzuwursteln.

Susi Nagele-Krautgartner

wurde 1982 geboren und lebt mit Mann und Sohn in München. Die promovierte Kunstpädagogin und Künstlerin realisiert Kunst- und Kunstvermittlungsprojekte verschiedener Sparten im In- und Ausland. Dafür wurde die gebürtige Innviertlerin bereits mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Themen wie Gleichstellung, Gender und deren lebenspraktische Umsetzung beschäftigen sie in all ihren Texten und Bildern. Der Blog ist die Fortsetzung von “Susis Babyzeit” (2014-2016). www.susikrautgartner.com