Die Regisseurin Olga Kosanović wirft in ihrem neuen Film "Noch lange keine Lipizzaner" einen kritischen Blick auf das österreichische Staatsbürgerschaftsrecht.
Die österreichische Staatsbürgerschaft zu bekommen, ist für viele ein langwieriger und oft schmerzhafter Prozess. Auch für die Regisseurin Olga Kosanović, die in Österreich geboren und aufgewachsen ist, die Staatsbürgerschaft aber bisher nicht erlangen konnte. Besonders prägnant zeigt sich die Haltung mancher gegenüber ihrem Fall in einem Kommentar in einer Tageszeitung: Wenn eine Katze in der Hofreitschule Junge wirft, sind das noch lange keine Lipizzaner“.
Olga Kosanović widmet sich dem Spannungsfeld zwischen Abgrenzung und „Wir-Gedanken“ in ihrem neuen Film – eine persönliche wie politische Auseinandersetzung mit der Frage, welche Vorstellungen von Zugehörigkeit einer Gesetzgebung zugrunde liegen, die die Gesellschaft in „Wir“ und „die Anderen“ teilt. Vor der Kamera stehen Schauspieler:innen und Gesprächspartner:innen wie Toxische Pommes, Judith Kohlenberger und Robert Menasse u.v.a.m. Ab 12. September im Kino.
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Olga Kosanović, geboren am 01.April 1995 in Österreich, ist eine in Wien lebende Regisseurin, Drehbuchautorin und Lehrende. 2023 wurde ihr Film „Land der Berge“ u.a. mit dem Preis für den besten Nachwuchsfilm bei der Diagonale ausgezeichnet.
Regiekommentar
„Wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich vorerst keine Österreicherin sein darf, obwohl ich hier geboren und aufgewachsen bin, hätte ich diesen Film wahrscheinlich nicht gemacht. Aber was bedeutet es heute eigentlich, Österreicherin zu sein? Und wie kann es sein, dass Österreich gemessen an der Zugänglichkeit den weltweit vorletzten Platz in Sachen Staatsbürgerschaft belegt, während innenpolitisch die Thematik entweder gar nicht angefasst oder stets als „hohes Gut“ bezeichnet wird?“
Auszüge aus dem INTERVIEW von AUSTRIAN FILMS (Karin Schiefer) mit OLGA KOSANOVIĆ
Sie sind 1995 – im Jahr des EU-Beitritts Österreichs – in Österreich geboren und aufgewachsen; welche gesetzliche Lage führt dazu, dass Sie sich drei Jahrzehnte später auf einen langwierigen Prozess um die österreichische Staatsbürgerschaft begeben müssen?
OLGA KOSANOVIĆ: Ich bin in Österreich geboren, die serbische Staatsbürgerschaft habe ich von meinen Eltern geerbt. Meine Mutter hat sich mit viel Engagement um den Status des Daueraufenthalts bemüht. Alle fünf Jahre müssen wir diese Karte verlängern, damit bin ich aufgewachsen. Die Staatsbürgerschaft für alle vier Familienmitglieder auf einmal zu beantragen, war schon allein aus finanziellen Gründen vom Tisch, außerdem ist es für meine Mutter keine Option, die serbische Staatsbürgerschaft aufzugeben. Doppelstaatsbürgerschaften sind ja in Österreich nicht erlaubt. Früher habe ich das nie so richtig verstanden, warum man an seiner ursprünglichen Staatsbürgerschaft hängt. Das hat sich nach diesem Filmprojekt und vielen Gesprächen zum Thema Zugehörigkeit geändert. Ich kann es jetzt nachvollziehen.
Zu welchem Zeitpunkt Ihres Bemühens um die österreichische Staatsbürgerschaft ist Ihre persönliche Geschichte Stoff für einen Film geworden?
OLGA KOSANOVIĆ: Die österreichische NGO SOS Mitmensch hat eine Kampagne initiiert, die „Hier Geboren“ hieß: Sie sollte Erleichterung beim Erwerb der Staatsbürgerschaft für Menschen bringen, die in Österreich geboren wurden. Als ich davon erfuhr, habe ich versucht, die Kampagne zu unterstützen, indem ich in einem kurzen Video erzählt habe, was mir widerfahren war, denn ich hatte im ersten Anlauf, die österreichische Staatsbürgerschaft zu erlangen, völlig unerwartet eine Absage erfahren. Das Video ist online kurzzeitig viral gegangen, mein Handy hat mehrere Tage durchgehend geklingelt, alle wollten mich in ihre Sendungen einladen, mehrere Zeitungen schrieben darüber und da gab es u.a. einen Artikel in der Tageszeitung „Der Standard“, wo ich dann auch das Leserforum gelesen habe. Ich war erstaunt, wie viele Kommentare es dazu gegeben hat und wie sehr sich die Geister schieden. Einer der Kommentare war der titelgebende „Lipizzaner-Kommentar“, der mich aufgewühlt und interessiert hat. Ich wusste noch nicht wie, aber ich hatte ein starkes Gefühl, dass man das behandeln musste. Es ging weniger um mein Einzelschicksal als vielmehr um die Frage, warum offenkundig so viele Menschen gleich so eine starke Meinung zum Thema Staatsbürgerschaft haben.
Der titelgebende, kränkende Satz aus dem Internetforum lautet: Wenn eine Katze in der Hofreitschule Junge wirft, sind das noch lange keine Lipizzaner; er hat Sie auch veranlasst, dem angeblich österreichischen Nationalsymbol der Lipizzaner nachzugehen. Mit welchen Ergebnissen?
OLGA KOSANOVIĆ: … dass sie gar nicht so österreichisch sind, wie sie hochgehalten werden. Es ist ein sehr traditionelles, weit verbreitetes Symbol, selbst meine serbische Großmutter hat sofort gewusst, dass dies die berühmten österreichischen Pferde seien. Auch hier fand ich interessant, die Fiktion dahinter aufzubrechen. Der Film versucht ja auch diesen Kommentar aus dem Forum zu dekonstruieren. Es interessiert mich aber auch, denn er erklärt die Fiktion, an die so viele Menschen glauben – Wir sind Lipizzaner, die sind Katzen. Für mich war es darüber hinaus auch wichtig, dass die Dinge eine gewisse Leichtigkeit bewahren. Ich kann diesen Kommentar als reine Kränkung wahrnehmen – Es ist rassistisch und unterirdisch unmenschlich, was da gesagt wurde. Oder aber, ich nehme den Satz, mit Humor bewaffnet, auseinander und verfasse eine Antwort.
Wieviele Menschen leben ohne österreichische Staatsbürgerschaft in Wien /in Österreich?
OLGA KOSANOVIĆ: Mit Herbst 2024 waren es österreichweit 19,2 % der Menschen mit gemeldetem Wohnsitz, die keine Staatsbürgerschaft hatten und somit auch nicht wahlberechtigt sind. In Wien sind es rund 35% der gemeldeten Einwohner:innen, die nicht wahlberechtigt sind, Tendenz steigend.
