Johanna Gehmacher, Historikerin an der Uni Wien, erforscht feministische Bewegungen und erzählt, warum es nicht „den“ einen Feminismus gibt.
Frau Gehmacher, Sie beschäftigen sich als Historikerin mit der Geschichte der Frauen und der Frauenbewegungen. Wie hat sich der Feminismus über die Jahrzehnte verändert, und welche Art von Bewegung erleben Sie heute?
Ich nehme wahr, dass es in Österreich momentan keine Frauenbewegung gibt, die lautstark für ihre Forderungen auf die Straße geht. Aktuell sind das die KlimaaktivistInnen, wobei unter ihnen viele junge Frauen sind. Auch Ökofeminismus ist eine Richtung des Feminismus. Es ist mir wichtig, zu betonen, dass Feminismus keine homogene politische Orientierung ist, sondern ein diverses, lebendiges Feld, in dem viele Debatten stattfinden und in dem oft auch um Positionen gerungen wird. Es gibt verschiedene Feminismen, Bewegungen, Theorien und inhaltliche Ausrichtungen. Die Ideen und Auseinandersetzungen des Feminismus finden heute an verschiedenen Orten in der Gesellschaft statt.
Haben Sie feministische Vorbilder? Auf wessen Schultern stehen wir?
Ich denke, ich würde gerne ohne Leitbilder und damit auch ohne Vorbilder auskommen. Das heißt nicht, dass ich die Leistung von Frauen in der Vergangenheit nicht achte und bewundere. Doch der Wert ihrer Leistungen ist eben auch an der spezifischen Vergangenheit zu messen, in der sie gelebt haben, an deren Bedingungen, Behinderungen und Werten. Ein Vorbild konserviert Werte, die in einer gesellschaftlichen Situation funktionieren, in einer späteren aber nicht mehr. Etwas anderes ist die Frage, auf wessen Schultern wir stehen: Feministische Bewegungen wären in der Gegenwart nicht denkbar ohne die Bewegungen, die uns vorausgegangen sind, ohne jene AktivistInnen, die Handlungs- und Denkräume, Rechte und Möglichkeiten erkämpft haben, die wir heute für selbstverständlich halten. Ich finde aber nicht alles gut, was frühere Feministinnen gedacht und gefordert haben, etwa, wenn sie ihre Klassenposition nicht reflektiert oder sich in chauvinistischen oder imperialistischen Kontexten positioniert haben.
Es ist immer wieder von Grabenkämpfen zwischen den Generationen zu hören. Wie groß ist die Kluft? Wollen Jung und Alt wirklich so Verschiedenes?
Ich weiß nicht, ob die Gräben so stark an der Grenze zwischen Jung und Alt verlaufen. Es gibt in pluralistischen Gesellschaften differente Ansichten, oft auch kontroverse Positionen zu Themen. Die gilt es immer wieder zu diskutieren, auch dann, wenn man nicht auf Einigkeit hoffen kann. So funktioniert Demokratie. Was die Errungenschaften vergangener Bewegungen betrifft, so würde ich – nicht zuletzt darum bin ich Historikerin geworden – sagen, dass es sie sichtbar zu halten gilt, aber auch zu analysieren und zu kritisieren. Also: Ja, wir brauchen Vergangenheit und das Wissen um vergangene feministische Bewegungen, aber auch die Möglichkeit, diese zu kritisieren.
„Was mir Sorgen macht, ist, dass unser Bildungssystem nach wie vor soziale Grenzen eher befestigt als durchbricht.“
Was bedeutet Feminismus heute?
Um gleiche Rechte, Selbstbestimmung und Schutz vor Gewalt geht es immer noch. Feminismus ist heute breiter geworden, Ziel des Feminismus ist etwa heute auch das Recht, die eigene Lebensform selbst zu wählen, ohne Nachteile oder Diskriminierung zu erfahren, etwa zu einer sexuellen Orientierung stehen zu können. Der Abschied von heterosexuell dominierten Gesellschaftsmodellen wird nicht nur eine größere Diversität erlauben, sondern bietet auch die Chance, Arbeitsteilungen, Hierarchisierungen, scheinbar unüberschreitbare geschlechtsspezifische Normen infrage zu stellen. Feminismus bedeutet auch für jede Frau etwas anderes, je nachdem, in welchem Lebensbereich sie Missstände erfährt.
Erleben wir Ihrer Meinung nach einen Fortschritt, Rückschritt oder Stillstand?
Die jungen Frauen, die ich an der Universität unterrichte, erlebe ich als sehr interessiert und offen, sie haben ein Gespür für aktuelle Probleme in der Gesellschaft, setzen sich für eine gleichberechtigte Gesellschaft ein und sind interessiert an historischen Bewegungen.
Was mir Sorgen macht, ist, dass unser Bildungssystem, auch wenn es offener ist als in manch anderen Ländern, nach wie vor soziale Grenzen eher befestigt als durchbricht. Menschen haben es immer noch schwer, sich in anderen Bildungszusammenhängen zu bewegen als in jenen ihrer Eltern. Wenn wir von jungen Frauen heute sprechen, dann sollten wir nicht nur von Österreich ausgehen, sondern auch von Frauen im Iran sprechen, die unter Todesdrohung für Frauenrechte auf die Straße gehen. Ich habe unendliche Hochachtung für ihren Mut. Meines Erachtens ist das die erste Frauenbewegung, die nicht nur Reformen fordert, sondern explizit einen Regimewechsel – das kann ich nicht als Stillstand ansehen. Klar, Aktivistinnen, die in die Jahre gekommen sind, sind gelegentlich irritiert, wenn junge Frauen sich heute etwa für ein traditionelles Leben entscheiden. Aber ist es nicht gerade auch Fortschritt, dass sie es sich aussuchen können?
Wird der Feminismus eines Tages überflüssig sein? Oder ist das eine utopische Vorstellung?
Es kann und sollte das Ziel sein, dass alle Menschen die gleichen sozialen Chancen haben: Der Weg dorthin wird aber von Ungleichgewichten gekennzeichnet sein, da niemand von der gleichen Position aus startet. Wir sollten in Bewegung bleiben und Gerechtigkeit, Gleichheit und Friedlichkeit anstreben. Es ist zu hoffen und ich bin optimistisch, dass wir von der heteronormativen Fixierung auf die Geschlechter „Mann“ und „Frau“ und den ihnen zugeschriebenen Aufgaben, die in den letzten 200 Jahren bedeutend waren, wegkommen und mehr Diversität zulassen können. Aber in diesen weniger geschlechterhierarchischen Gesellschaften wird es neue Fragen geben, denen sich Menschen stellen müssen, je nachdem, wo Ungerechtigkeit gerade zu Hause ist.
Zur Person
Johanna Gehmacher ist Historikerin und Professorin am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien. Sie forscht zu Frauen- und Geschlechtergeschichte.
Ich bin Feministin seit: „… ich nach meiner Matura in einer feministischen Buchhandlung zu arbeiten begonnen habe. Wenn ich mich heute als Feministin bezeichne, dann tue ich das auch, weil es nach wie vor kein nur positiver Begriff ist. Ich denke, ich kann so junge Menschen motivieren, zu ihren Überzeugungen zu stehen.“
Feminismus bedeutet: „Menschen aller Identitäten ermutigen, sich nicht von Zuschreibungen und Normsetzungen aufgrund des Geschlechts einschränken zu lassen – und die Ausbeutungssysteme, die auf Geschlecht basieren, infrage zu stellen und zu bekämpfen.“
Transparenzhinweis: Diese Geschichte wurde erstmals im Jahr 2023 veröffentlicht und aktualisiert.
