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Verena Eugster: „Müssen uns selbst roten Teppich ausrollen“

Verena Eugster: „Müssen uns selbst roten Teppich ausrollen
Foto: Tetyana Pirker
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  • Veröffentlicht: 02.03.2026
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Das Female Future Festival bringt tausende Frauen zusammen. Im Interview spricht Mitgründerin Verena Eugster über die Ursprünge des Festivals, gesellschaftliche Müdigkeit und die Kraft weiblicher Verbundenheit.

Es ist kein Geheimnis: Frauen in Führungspositionen sind noch immer in der Minderheit. Wir sitzen damit oft nicht an den Tischen, an denen die wichtigen Entscheidungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft getroffen werden. Ein Zustand, den wir dringend ändern sollten, finden Verena Eugster und ihre Schwester Patricia Zupran-Eugster. Deshalb gründen sie vor einigen Jahren ihr eigenes Unternehmen – und veranstalten seitdem regelmäßig Events, die Frauen stärken und weiterbringen sollen. Das Female Future Festival ist dabei wohl das Aushängeschild. Aber was wollen die Gründerinnen damit erreichen? Was erwartet Besucherinnen vor Ort? Und was brauchen wir grundsätzlich, um Frauen zu stärken? Verena Eugster hat mit uns darüber gesprochen – und uns gleich auch etwas über ihre eigene Kraft verraten.

Sie haben im Jahr 2019 gemeinsam mit Ihrer Schwester das erste Female Future Festival veranstaltet – in Vorarlberg. Wie ist die Idee entstanden?
Patricia und ich kommen beide aus einer klassischen Arbeiter- und Angestelltenfamilie, ohne finanziellen oder unternehmerischen Background. Und genau da sind wir irgendwann an Grenzen gestoßen. Aber wir hatten beide viel Energie und die Motivation, etwas für Frauen zu bewegen. Im Zuge unseres ersten Projektes, des Frauenlaufes, gab es dann einen wichtigen Aha-Moment: Ich habe Mentorinnen gesucht und eine Liste von Frauen in Führungspositionen im DACH-Raum erstellt. Die Liste war erschreckend kurz. Wir sind so gut ausgebildet und fehlen dennoch in den Führungsetagen – das wollten wir nicht weiter so hinnehmen.

Also haben Sie das Female Future Festival ins Leben gerufen. Welche Werte sind Ihnen dabei besonders wichtig?
Wir haben uns vorgenommen, das Thema aufzubrechen – aber positiv. Natürlich brauchen wir Bewusstsein für Ungleichheit. Aber im Negativen zu verharren, bewegt nichts. Wir wollen stattdessen ins Tun kommen, es geht um ganzheitliches Empowerment, wenn wir das Wort benutzen möchten. Wir sind dabei aber gegen Männerbashing, weil wir die Zukunft nur gemeinsam gestalten können. In „Woman“ und „Female“ steckt auch „Man“ und „Male“ – das ist kein Zufall.

Sie haben das Wort „Empowerment“ eher widerwillig benutzt – warum?
Ich mochte den Begriff immer, aber er wird mittlerweile inflationär genutzt. Heute ist alles Female Empowerment – von Lippenstift bis Finanzprodukt. Mir gefällt „Female Forward“ eigentlich besser. Denn darum geht es: Um Bewegung und um Fortschritt.

Fortschritt hat in den letzten Jahren bereits stattgefunden, aktuell geraten die Frauenrechte international aber wieder ins Wanken. Wie erleben Sie das?
Ich spüre eine gesellschaftliche Müdigkeit – gerade bei Frauen. Die Welt ist schnell, komplex, viele Erwartungen prallen aufeinander. Aber wir dürfen unsere Vorbildrolle und unsere Privilegien nicht vergessen. Wir bauen unser Leben immerhin auf den Schultern unserer Mütter und Großmütter auf. Sie haben damals um Rechte gekämpft, die wir heute haben. Kämpfen müssen wir heute nicht mehr, aber wir müssen unsere Weg gehen. Mir wurde, wie vielen anderen Frauen, nie ein roter Teppich ausgerollt – und das ist okay. Wir müssen ihn uns einfach selbst ausrollen.

Sie und Ihre Schwester sind in einfachen Strukturen groß geworden und trotzdem über sich hinausgewachsen. Woher kommt das Mindset, die Dinge einfach anzugehen?
Das haben wir in unserer Erziehung mitbekommen. Leistung war bei uns immer wichtig. Zugegeben, das war kein leichter Weg – er war hart, schlaflos, manchmal sogar existenziell. Aber wir haben immer an unsere Vision geglaubt. Unsere Eltern haben sich damals alles mühsam selbst aufgebaut, das hat uns geprägt und gezeigt, was man schaffen kann, wenn man bereit ist, zu arbeiten. Getreu dem Motto: Leistung schafft Möglichkeiten. Natürlich gibt man dafür auch viel auf – soziale Kontakte, private Ausflüge, entspannte Abende. Aber für uns war es das wert.

„Diese Welt wird noch überwiegend von Männern geführt. Wenn wir sie mitgestalten wollen, müssen wir an den richtigen Tischen sitzen, da ist sich Verena Eugster sicher. Deshalb hat sie mit ihrer Schwester das Female Future Festival gegründet. “
Verena Eugster

Das diesjährige Female Future Festival steht unter dem Motto „Power of Connection“. Warum?
Weil uns zunehmend Verbindung verloren geht – trotz permanenter Vernetzung. Studien zeigen, dass die Gen Z schon jetzt die einsamste Generation ist. Wir verlieren den Kontakt zueinander im echten Leben. Das ist alarmierend, denn wir brauchen Netzwerke. Und zwar auf mehreren Ebenen: für Business, für Leadership, für uns selbst. Das beeinflusst auch unsere Programm-Gestaltung. Wir versuchen, für jedes Festival eine gute Mischung aus erfahrenen Unternehmerinnen und Gründerinnen am Anfang sowie bekannten Role Models zu erreichen.

Netzwerke sind das A und O. Wo sehen Sie aktuell außerdem die größten Herausforderungen für Frauen in der Arbeitswelt?
Die wirtschaftliche Lage ist hart, da brauchen wir uns nichts vormachen. In Krisenzeiten werden oft zuerst Frauen in Teilzeit abgebaut. Gleichzeitig verlieren Themen wie Diversity durch den gesellschaftlichen Wandel wieder an Priorität. Das sorgt dafür, dass wir unsere Position bewusst sichern müssen – in Unternehmen und in der Wirtschaft generell.

Das klingt, als müssten sich Frauen tendenziell mehr anstrengend, als Männer.
Es fühlt sich tatsächlich so an, als müssten wir das. Wir ticken anders, denken oft komplexer und agieren empathischer. Das ist eine Stärke – darf uns aber nicht blockieren. Wir dürfen nicht vergessen: Diese Welt wird noch überwiegend von Männern geführt. Wenn wir mitgestalten wollen, müssen wir strategisch klug handeln und an den richtigen Tischen sitzen. Wir bringen viele Qualitäten mit, die in Führungspositionen gebraucht werden – aber es sind oft andere als die von männlichen Kollegen. Wir sind noch lange nicht bei Gleichstellung angekommen – deshalb sollte jede Frau, die in Entscheidergremien sitzt, eine andere mitziehen und unterstützen.

Was zeichnet Frauen in Führungspositionen aus?
Der Fokus auf das gemeinschaftliche Gestalten, große Empathie und eine gute Organisation. Wer eine Familie managt, managt auch ein Unternehmen gut. Frauen sind unglaublich stark – körperlich wie mental. Auch, wenn es oft nicht so gehandhabt wird, darf Führung menschlich und emotional sein. Ich kann dieses „Frauen sind zu emotional“ nicht mehr hören. Emotionen bringen Entwicklung – und damit Fortschritt. Dafür sind wir Frauen wie gemacht.

Warum trauen sich trotzdem so viele Frauen Führung nicht zu?
Sichtbarkeit macht angreifbar. Und Führung bedeutet, gesehen und kritisiert zu werden. Dafür braucht es ein starkes Umfeld und eine gewisse Stabilität im Innen wie im Außen. Es gibt heute zwar mehr weibliche Vorbilder als noch vor zehn Jahren. Aber Anfeindungen kommen dennoch oft auch von Frauen. Das tut weh, ist aber Realität. Und mit der muss man umgehen können – und wollen.

Auf dem Female Future Festival geht es vor allem um die Stärkung von Frauen. Wer ist dort richtig?
Frauen, die mehr wollen. Die nicht jammern, sondern gestalten möchten. Wir sind nur der Funke, das Feuer sind die Frauen selbst. Ich kann Impulse geben, aber den nächsten Schritt gehen müssen sie selbst.

Das Festival geht mittlerweile in das siebte Jahr. Was haben Sie persönlich daraus mitgenommen?
Ohne die Community hätte ich diesen Weg nicht durchgehalten. Finanzielle Unsicherheit, emotionale Belastung, Schlafmangel – das war nur mit dieser Energie möglich. Und ich habe gelernt: Viele Frauen machen großartige Dinge, aber sie müssen auch davon leben können. Ideen dürfen kein Hobby bleiben, viele wissen aber nicht, wie sie vom einen zum anderen kommen. Der Schritt von der Idee zur Skalierung braucht Mut – und ein unterstützendes Umfeld. Menschen, die dich auffangen, wenn etwas nicht klappt und motivieren, deine Träume zu verfolgen. Mut ist wichtig, aber nicht alles. Das Tun ist entscheidend.

Wie geht es mit dem Female Future Festival weiter?
Wir wachsen weiter: dieses Jahr sind wir neu in Salzburg und Stuttgart. Und es wird internationaler. Mir ist wichtig, dass wir offen bleiben für unterschiedliche Lebensrealitäten von Frauen weltweit. Verständnis füreinander ist zentral. Lebensentwürfe sind unterschiedlich und dürfen es sein, solange sie selbst gewählt sind.

Welche Zukunft wünschen Sie sich für junge Frauen?
Ich habe selbst zwar keine Kinder, aber drei Nichten, die mich immer wieder daran erinnern, dass wir das alles nicht nur für uns selbst tun. Ich wünsche mir für die Frauen, die nach uns kommen, dass wir nicht mehr diskutieren müssen, welcher Job oder welche Sportart „passt“. Dass Frauen wirtschaftlich stabil sind und jede Position einnehmen können, die sie möchten. Insgesamt wünsche ich ihnen bessere Möglichkeiten als wir sie hatten. Vor allem wünsche ich den Frauen, dass sie dabei ihre Weiblichkeit nicht verlieren, sondern sie selbst bleiben und menschlich führen. Das ist unsere Stärke und wir dürfen verdammt stolz darauf sein.

Foto: Tetyana Pirker

Zur Person

Die Schwestern Verena Eugster und Patricia Zupran-Eugster haben gemeinsam die Event-Agentur w3 create ins Leben gerufen. Gemeinsam mit ihrem Team veranstalten sie seit vielen Jahren verschiedene Events für Frauen und im Sport- und Lifestyle-Bereich. Verena Eugster ist außerdem Vorsitzende der Jungen Wirtschaft Österreich und setzt sich damit auch für den Nachwuchs ein.

Das nächste Female Future Festival findet am 23. April 2026 in Bregenz statt. Mehr Infos dazu findet ihr hier.

Leonie Zimmermann

Chefredakteurin Digital

In Deutschland 1993 geboren und aufgewachsen, nach dem Journalistik-Studium, einer Selbstständigkeit und mehreren Stationen in deutschen Medienhäusern, darunter das RedaktionsNetzwerk Deutschland und das Wochenmagazin stern, seit März als Chefredakteurin digital für Welt der Frauen tätig. Faible für Psychologie, Reisen, Feminismus – und die digitale Welt.

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Foto: Barbara Aichinger


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