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Feenstaub

Resilienz und Resonanz, das sind zwei Begriffe und Haltungen, die in Zeiten der Pandemie beschäftigen wie bestärken. Bücherheldinnen und Helden finden ihren Weg, schmerzhaft, verzweifelt und manchmal auch über mehrere Umwege.

Der Roman „Feenstaub“ von Cornelia Travnicek ist am 4. März d. J. erschienen und erzählt von drei Buben, die von Piraten entführt und als Taschendiebe eingesetzt wurden. Petru ist einer von ihnen, stolz reckt er sein Kinn nach vorne

Wo wir sind, ist das Niemandsland

Man soll nicht immer den guten Wörtern vertrauen, lehrte uns Ilse Aichinger. Cornelia Travnicek führt ihre Leser*innen ins Niemandsland. Ja, das könnte doch auch schön sein, wären da nicht diese klare Ansagen, die einem verführerischen „Es war einmal“ folgen:

Es war einmal eine Stadt und durch diese Stadt floss ein Fluss und in diesem Fluss lag eine Insel, die war unsichtbar. Nun, sie war für die meisten unsichtbar, nur nicht für die, die auf ihr lebten. Aber die, die auf ihr lebten, waren ebenso unsichtbar für alle anderen, zumindest so lange, bis sie in deren Leben eintauchten. Kurz. Flink. Ohne Aufsehen zu erregen.

Nein, die drei Protagonisten – Petru, Cheta und Magare – sind keine Heinzelmännchen, sie sind Taschendiebe, müssen unsichtbar bleiben, müssen funktionieren, werden von den Menschen übersehen, das ist der Trick dabei. Krakadzil kommt und kontrolliert, ob sie wohl richtig gearbeitet haben, Lob ist bei seinen Besuchen nicht vorgesehen, Hauptsache, die Schatztruhe füllt sich.

Diese Geschichte ist in Sequenzen geteilt, mutet lyrisch an, kurze Absätze lesen sich den Seiten weniger bedrohlich, als wäre es ein linear erzählter Text. Wir hoffen, dass Feenstaub, Insel und das Schrumpfen doch im Märchenbereich verhaftet bleiben: Ja, da gab es doch Peter Pan, die Hauptfigur der Kindergeschichten von James Matthew Barrie, ein Kind das nie erwachsen wird, das in Neverland/Nimmerland lebt und Anführer der „lost boys“, der verlorenen Buben, ist. Richtig, der Gegenspieler von Peter Pan ist Captain Hook, der Gegenspieler von Petru ist Krakadzil, ihm streckt er trotzig das Kinn entgegen, wenn dieser ihn wieder einmal abschätzig mustert und seine Kindlichkeit belächelt „noch kein Bart“. Und da ist der Feenstaub, Namensgeber des Romans und neben den vielen Träumen mit ihren ausgefransten Rändern, eine wichtige Konstante dieses Romans. Nach den Besuchen Krakadzils feiern die drei Buben, sie haben die Kontrolle überstanden, haben dem Despoten Stand gehalten.

Die eingespielte Routine ändert sich, das Unsichtbarsein steuert auf sein Ende zu, als Petru Marja trifft: Sie ist real, sie stellt Fragen, u. a. nach der Herkunft des Silberarmbands.

Jedes Mal, wenn ich Marja sehe, lüge ich. Wenn ich sie nicht anlügen würde, könne ich sie nicht sehen.

Petru stellt sich die Frage nach seiner Identität, erkennt, wie sehr er bereits auf Abstand zu sich selbst lebt. Die Traumwelt, das Niemandsland, der Feenstaub – all diese Zauberelemente crashen die Wirklichkeit, den Tatort, die Tat, die Verhaftung, das Verhör. Petru bekommt einen Anwalt gestellt, ja, es war doch Notwehr: Wenn die Unsichtbarkeit endet, beginnt die Realität und damit die Abschiebung, das Flugzeug ist bereits in Sicht.

Vielleicht sind Gefühle auch nur Teil einer Geschichte, die man sich im Nachhinein schreibt.

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen

Poesie, Märchensequenzen, Erinnerungen an Peter Pan, Sozialkritik klar positioniert und wohl dosiert, Gedanken zum Erwachsenwerden, aber das sagte ich ja schon, Trost, Hoffnung, Ausbeutung, Armut, Liebe.

Die Autorin Cornelia Travnicek

geboren, 1987, lebt in Niederösterreich, hat Sinologie und Informatik studiert. Ihr Romandebüt „Chucks“ schlug richtig ein, sie erhielt dafür u. a. das Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium des Deutschen Literaturfonds. Sie selbst bezeichne „Chucks“ gern auch als Generationenroman. Für „Junge Hunde“ erhielt sie (2014) den Publikumspreis des Bachmann-Wettbewerbs. Die Diskussion der Jury dazu ist inspirierend, manches trifft auch für das hier rezensierte Buch zu.

Cornelia Travnicek:
Feenstaub.
Roman.
Picus 2020.
278 Seiten.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
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