Fasten hat im Judentum viele Gesichter. Was hinter den wichtigsten Fastentagen steckt und welche spirituelle Bedeutung der Verzicht haben kann.
Im Judentum gibt es keine zusammenhängende Fastenzeit wie im Christentum und Islam, sondern einzelne Fastentage. Ruth Kathrin Lauppert-Scholz, Gründerin der „Granatapfel Kulturvermittlung“, gibt Auskunft.
Wie wird im Judentum gefastet?
Gefastet wird im Judentum auf unterschiedliche Weise, je nachdem, um welchen Fasttag es sich handelt. An den langen Fastentagen ist nicht nur Essen und Trinken verboten, sondern auch das Rauchen, Schminken, Waschen, das Eincremen des Körpers, das Tragen von Lederschuhen sowie der Vollzug ehelicher Beziehungen. Diese Tage sind besonders von Gebet, Synagogengottesdiensten und intensiver Selbstreflexion geprägt.
An den kurzen Fastentagen beschränkt sich das Fasten hauptsächlich auf den Verzicht auf feste und flüssige Nahrung während des Tages. Dabei gilt der Grundsatz des Judentums, dass der Schutz von Leben und Gesundheit Vorrang hat. Wenn das Fasten zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führt, darf und soll nicht gefastet oder das Fasten unterbrochen werden. Dies gilt insbesondere für Kranke, Schwangere oder ältere Menschen. In solchen Fällen wird empfohlen, ärztlichen Rat einzuholen oder sich an eine religiöse Autorität zu wenden.
Welche sind die wichtigsten Fastentage im Judentum?
Die jüdischen Fastentage lassen sich in lange und kurze Fastentage einteilen. Die langen Fastentage dauern etwa 25 Stunden und beginnen bereits mit dem Sonnenuntergang des Vortages. Der wichtigste Fastentag ist Jom Kippur, der Versöhnungstag. Er wird gemäß dem jüdischen Kalender am 10. Tischri begangen, also zehn Tage nach dem jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schanah. Nach dem christlichen Kalender fällt er in die Monate September oder Oktober. An diesem wichtigsten Tag des jüdischen Jahres bitten Gläubige G´´tt (so eine mögliche Schreibweise, weil man den Namen des Allmächtigen nicht aussprechen darf) kollektiv um Vergebung. Im Mittelpunkt stehen Reue, Umkehr, ein moralischer Neuanfang sowie die Versöhnung mit den Mitmenschen. Der zweite lange Fastentag ist Tischa beAw am 9. Aw, der in den Juli oder August fällt. Dieser Tag ist ein zentraler Trauer- und Gedenktag und erinnert vor allem an die Zerstörung des ersten und zweiten Tempels in Jerusalem sowie an weitere Katastrophen der jüdischen Geschichte. Er ist geprägt von Trauer, Klage und dem Nachdenken über Leid, Verlust und Diaspora, Leitthemen des jüdischen Volkes also, entlang der gesamten Geschichte. Tischa beAw bildet den Höhepunkt und Abschluss einer dreiwöchigen Trauerzeit, die mit dem kurzen Fastentag Schiwa Assar beTammus (17. Tammus) beginnt. In manchen religiösen Kreisen wird in dieser Zeit zusätzlich auf Fleisch oder Musik verzichtet, und es finden in der Regel keine Hochzeiten statt. Neben den langen gibt es auch mehrere kurze Fastentage, die jeweils von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dauern.
„Der kurzfristige körperliche Verzicht stellt dabei oft eine längerfristige spirituelle Bereicherung dar.“
Welche sind das?
Dazu gehört der Fasttag Gedalja (im September oder Oktober), welcher der Zerstörung des ersten Tempels gedenkt. Ebenso zählt dazu Assara beTevet (Dezember oder Januar), der an den Beginn der babylonischen Belagerung Jerusalems erinnert, die schließlich zur Zerstörung des ersten Tempels führte. Der Fasttag Esther (im Februar oder Mär) erinnert an die Bedrohung des jüdischen Volkes im Buch Esther. Dieser Fasttag unterscheidet sich von den anderen, da er direkt in ein freudiges Fest mündet und die Rettung des jüdischen Volkes im Mittelpunkt steht. In streng orthodoxen Kreisen gibt es zusätzlich das Fasten der Erstgeborenen am Tag vor Pessach.
Wie fasten Sie persönlich?
In manchen Jahren faste ich zu Jom Kippur entsprechend der religiösen Vorschriften, also unter vollständigem Verzicht auf feste und flüssige Nahrung. Der kurzfristige körperliche Verzicht stellt dabei oft eine längerfristige spirituelle Bereicherung dar, da er Raum für innere Einkehr, Reflexion des eigenen Handelns sowie das Bestreben nach persönlicher und moralischer Verbesserung schafft.
Zur Person
Ruth Kathrin Lauppert-Scholz ist Angewandte Religionswissenschafterin und Kulturvermittlerin sowie Gründerin der „Granatapfel Kulturvermittlung“ für Judentum, interreligiösen Dialog und Gedenkarbeit.
