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Es weht, es weht nicht, es weht ...

Hand aufs Herz, liebe Ex-Schwangere: Sie haben auch die Tage bis zum prognostizierten Entbindungstermin heruntergezählt, das ein oder andere Hausmittelchen ausprobiert, mehrfach das Gefühl gehabt, dass es heute bestimmt losgehen wird (weil ein klingendes Datum ist, weil der Mond voll ist, weil Sie damit Ihre Co-schwangere Freundin überholen können, … ). Wenige Tage vor dem Geburtstermin fühle ich mich gefangen an einem Nicht-Ort, an einer Übergangspassage in meinem Leben mit einem fragilen Geisteszustand, der definiert ist durch den körperlichen Aspekt, dass ich in wenigen Stunden einen Menschen gebären werde. Obwohl ich im Prinzip durch die Geburt meines Sohnes schon wissen sollte ,was geschehen wird, so fühle ich mich dennoch erneut mit der Tatsache konfrontiert, dass meine Gefühle in der absurden Spanne von Ohnmacht über Abenteuerlust zu Vorfreude hin und her wechseln. Es ist im Vorfeld schier unbegreiflich, dass sich mein Leben und mein kugelförmiger Leib in kürzester Zeit schlagartig ändern werden. Wirklich vorbereitet kann man darauf wohl nie sein. Tagtäglich erlebe ich, wie sich mein Körper etappenweise auf das anstehende Ereignis einstellt. Von Migräneattacken durch den Hormonwechsel über manisch-euphorische Nestbauphasen und Vorwehen ist es nicht zu übersehen, dass die Uhr tickt. Es kostet mich Überwindung trotzdem in den Tag hinein zu leben und spontan nette Dinge zu unternehmen, mich mit Freunden zu treffen und noch ein bisschen die Ruhe vor dem Sturm zu genießen. Das ganze Schwangerenyoga hat vielleicht meinen Körper etwas dehnbarer gemacht, aber meine Geduld ist endend wollend, wie immer. Es ist einfach nicht meine Stärke diese Warterei. Heute gab es schon Frühstück im Bett, nach dem Check bei Arzt wird mein Friseur meine Stimmung aufhellen und danach wohl ein schöner Spaziergang durch meinen Lieblingsstadtteil von München. Mäuschen, meine Schäfchen sind im Trockenen, alles wartet auf dich von unzähligen Omas, Tanten, Onkeln und Opas bis zu deinem Brüderchen und mir und Papa! Bald bist du endlich in meinen Armen, mein Schatz!

Susi Nagele-Krautgartner

wurde 1982 geboren und lebt mit Mann und Sohn in München. Die promovierte Kunstpädagogin und Künstlerin realisiert Kunst- und Kunstvermittlungsprojekte verschiedener Sparten im In- und Ausland. Dafür wurde die gebürtige Innviertlerin bereits mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Themen wie Gleichstellung, Gender und deren lebenspraktische Umsetzung beschäftigen sie in all ihren Texten und Bildern. Der Blog ist die Fortsetzung von “Susis Babyzeit” (2014-2016). www.susikrautgartner.com