Der Equal Pay Day macht auf die Lohnschere zwischen den Geschlechtern aufmerksam. Um diesen Stichtag ranken allerdings viele Mythen. Zwei Expert:innen klären auf.
Die Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen, der sogenannte Gender Pay Gap, ist in Österreich nach wie vor groß. Vollzeitbeschäftigte Männer hatten bis Jahresende 2025 schon jenes Gehalt erreicht, für das vollzeitbeschäftigte Frauen bis 11. Februar arbeiten mussten – und das, obwohl Frauen im Schnitt besser gebildet sind.
Warum wir die Vollzeit-Erwerbsarbeit betonen, hat einen guten Grund: Rund um den Equal Pay Day werden regelmäßig Stimmen laut, der Lohnunterschied sei auf die hohe Teilzeitquote von Frauen zurückzuführen. Tatsächlich arbeiteten 2024 mehr als die Hälfte aller erwerbstätigen Frauen in Teilzeit, bei den Männern waren es nur 13,7 Prozent. Fakt ist aber, dass bei der Ermittlung des Gender Pay Gaps die Teilzeitarbeit gar nicht miteinberechnet wird.
Großer Einkommensunterschied
So entsteht ein direkter Vergleich der Vollzeit-Jahresgehälter und bringt Folgendes zu Tage: Frauen verdienen derzeit 11,6 Prozent weniger als Männer. In Wien ist der Gender Pay Gap am kleinsten, in Vorarlberg am größten. Es gibt also noch viel zu tun, denn bei diesem Tempo würden wir die Einkommensgleichheit zwischen den Geschlechtern erst im Jahr 2043 erreichen.
Der Wirtschaftsforscher Marian Fink und die Soziologin Eva-Maria Schmidt erklären im Interview, welche Maßnahmen die Lohnlücke schneller schließen könnten, warum frauendominierte Branchen schlechter bezahlt sind und welche Mythen sich rund um den Equal Pay Day halten.
Mythos: „Die Berechnungen zum Equal Pay Day sind schwammig“
Warum gibt es jährlich zwei Termine, an denen der Equal Pay Day stattfindet?
Fink: Beide Berechnungen führen zu einem anderen Ergebnis, haben aber ihre Daseinsberechtigung. Es gibt kein richtig oder falsch – sie sind als zusätzliche Information zu verstehen. Beim Equal Pay Day im Februar wird das „Mittel“, also der Median, zur Berechnung herangezogen. Er teilt die Bevölkerung in zwei gleich große Gruppen – 50 Prozent liegen über und 50 Prozent unter dem Median. Beim Equal Pay Day im November wird der Durschnitt berechnet. Beide konzentrieren sich auf ganzjährig Vollzeitbeschäftigte. Dahinter steht der Versuch, zwei möglichst vergleichbare Gruppen herzustellen, um aus den Daten unterschiedliche Faktoren herauslesen zu können.
Welche Faktoren wären das zum Beispiel?
Fink: Man spricht von einem erklärten und einem nicht erklärten Gap. In der Wirtschaftsforschung stehen uns leider nicht alle Merkmale und Daten zur Verfügung, die es bräuchte, um den Gender Pay Gap vollständig zu erklären. Der unerklärte Gap könnte zum Beispiel Geschlechterdiskriminierung sein – das lässt sich aber nicht eindeutig messen. Andererseits: Nicht alles, was man erklären kann, ist frei von Diskriminierung. Wenn Buben und Mädchen unterschiedlich gefördert werden und diese folglich andere Bildungswege einschlagen, könnte man bereits von einem diskriminierenden Prozess sprechen.
