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Entscheiden – Lieber noch nicht

Toast oder gesundes Müsli, Familie gründen oder die Welt bereisen, Psychologie oder Medizin studieren, die Beziehung beenden oder nicht? Solange wir leben, müssen wir entscheiden. Das wird für viele Menschen aber zunehmend zur Qual. Woran liegt es?

Die Welt steht dir offen! Also überlege dir gut, was du daraus machst.“ Diese Worte meines damaligen Deutschlehrers begleiten mich noch heute durch mein Leben. Sie haben mich geprägt. Wie ein Echo hallen sie in meinem Kopf, wenn ich versuche, mich für etwas zu entscheiden. Während meine Freundin vor Kurzem die Geburt ihres ersten Kindes zelebrierte, beschleicht mich beim Thema „Familiengründung“ ein beklemmendes Gefühl. Sofort taucht diese Stimme in meinem Kopf auf: „Weißt du nicht mehr? Die Welt steht dir offen. Willst du das wirklich aufgeben?“ Wahrscheinlich nicht. Ständig höre ich ältere Menschen sagen: „Heute jung sein, was für ein Luxus! Bei so vielen Möglichkeiten würde ich alles ausprobieren und mich nicht mehr so schnell festlegen!“ Auch meine Mutter sagt das: „Kind, ich würde, wäre ich noch einmal in deinem Alter, vieles anders machen.“ Stimmt: Ich habe das Privileg, aus diesen unendlichen Optionen, die das Leben zu bieten hat, zu schöpfen, ich kann all das machen, was Generationen vor mir anscheinend verwehrt blieb. Im Alter werde ich nicht sagen müssen: „Könnte ich doch noch einmal von vorne anfangen!“ Was für ein Geschenk! Oder?

ICH BIN FREI! ODER?
„Freiheit wird in der Regel als die Option verstanden, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können.“ So definiert Wikipedia den Begriff „Freiheit“. Die Wahl zu haben ist also gut, oder? „Ich habe von klein auf alles selbst entscheiden dürfen – und weißt du was? Heute wünschte ich, meine Eltern hätten mir zumindest eine Richtung vorgegeben“, klagte neulich einer meiner Bekannten, der Anfang 20 ist. Das klingt für mich nicht nach Glück. „Es scheint so, als sei es genau anders herum. Die Fülle an Wahlmöglichkeiten führt zunehmend dazu, dass Menschen sich immer weniger festlegen können“, sagt Michael Rosenberger, Professor der Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz. Speziell die jüngere Generation habe den Anspruch, das Optimum aus ihrem Leben herauszuholen. Je mehr Optionen es gebe, umso mehr seien Menschen in ihrer Entscheidungsfindung gehemmt, ja sogar gelähmt. Wenn die Möglichkeiten scheinbar endlos sind, bestehe ständig das Gefühl, eine andere Option wäre die bessere. Unzufriedenheit stelle sich ein. „Sich für etwas zu entscheiden, bedeutet, andere Türen zu schließen. Das können viele Menschen nicht. Deshalb halten sie sich stets alle Türen offen“, so Rosenberger.

WO IST MEIN BAUCHGEFÜHL?
Sich nicht festlegen wollen, um alle Optionen offenzuhalten, erzeugt jedoch auch Stress und führt irgendwann zum Stillstand. Viele Menschen können deshalb oft gar keine Entscheidungen mehr treffen. „Wir nehmen immer weniger wahr, was eigentlich zu einer Entscheidung führen würde“, sagt der Psychologe, Philosoph und Existenzanalytiker Andreas Böschemeyer. Nämlich unser Bauchgefühl. Durch die Vernetzung und Beschleunigung der Welt spürten sich Menschen immer weniger. Stille und Ruhe könnten nicht mehr einkehren. Die seien aber nötig, um zu einer wertvollen Entscheidung zu kommen. „Durch das Internet begeben sich Menschen in eine Parallelwelt, sie sind ständig mit der ganzen Welt beschäftigt, nur nicht mit sich selbst.“ Dazu komme noch die ständige Verfügbarkeit von „Dr. Google“. Bei einer Entscheidung werde heute anstatt des eigenen Gespürs oft lieber das Internet um Rat befragt. „Es gibt natürlich auch Menschen, denen es leichtfällt, intuitiv zu wählen“, so Böschemeyer. Diese Menschen würden ihre Werte und Ziele im Leben genau kennen. „Sie sind oft stabiler als andere Menschen, da sie von der zentralen Nahrung des menschlichen Geistes ­speisen: dem Sinngefühl, was uns stark macht!“

„Menschliches Sein ist entscheidendes Sein“, sagte der deutsche Philosoph und Psychiater Karl Jaspers. Erst mit seiner Entscheidung werde der Mensch zu dem, der er ist. „Das ruft Ängste hervor, denn wer seine Identität preisgibt, macht sich angreifbar“, sagt Böschemeyer. Wenig Selbstvertrauen und viele Ängste können Entscheidungen völlig blockieren. Wer aus Angst heraus entscheidet, wählt meist den sicheren Weg. „Das ist aber nur Scheinsicherheit. Eine ängstliche Entscheidung ist viel komplizierter, man denkt zu viel nach und verunsichert sich nur noch mehr.“ Natürlich solle eine Wahl gut durchdacht werden, es dürfe jedoch nicht in Grübeln ausarten. (…) Lesen Sie weiter in der Printausgabe.

„Sich für etwas zu entscheiden, heißt, dass sich andere Türen schließen“, so Moraltheologe Michael Rosenberger.

„Man muss auch einmal wagen, ein Risiko einzugehen“, ist Existenz-analytiker Andreas Böschemeyer überzeugt.

„Für Entscheidungen braucht es Informationen und Reflexion“, sagt Entscheidungsforscher Rüdiger von Nitzsch.

Fotos: privat

Erschienen in „Welt der Frauen“ 04/18