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09/2026

Elfriede Jelinek: Ihre Heimat ist ihr unheimlich

Elfriede Jelinek: Ihre Heimat ist ihr unheimlich
Foto: APA-Images / FLO / Martin Vukovits
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  • Veröffentlicht: 09.09.2026
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Elfriede Jelinek feiert am 20. Oktober ihren 80. Geburtstag. Sprachwissenschafterin Pia Janke im Interview über Jelineks Liebe zur Musik, ihre Vorstellung von Heimat und warum man manche Texte nur auf ihrer Homepage lesen kann.

Als Musiktheaterdramaturgin hat Pia Janke sich 1999 anlässlich der Uraufführung von „Bählamms Fest“ von Komponistin Olga Neuwirth mit dem Libretto von Elfriede Jelinek beschäftigt. So ist sie mit der Schriftstellerin persönlich in Kontakt gekommen. Nachdem sie ein Standardwerk über Jelinek geschrieben hatte, gründete Janke, die auch an der Uni Wien lehrt, 2004 das Elfriede Jelinek-Forschungszentrum, das sie seither leitet. Aktuell entsteht dort ein Internetportal mit einer kommentierten Bibliografie des Gesamtwerks und der Gesamtrezeption zu Jelinek.

Stichwort „Bählamms Fest“. Woher kommt Elfriede Jelineks Affinität gerade zur Musik?
Sie hat eine intensive musikalische Ausbildung, da wurde sie von der Mutter sehr bestimmt. Sie war sehr früh am Konservatorium und hat dort den Abschluss in Klavier und Orgel gemacht. Es gibt definitiv eine musikalische Prägung. Jelinek geht quasi kompositorisch mit Sprache um. Ihre Texte sind nicht herkömmlich strukturiert, sondern eher in musikalischen Variationsformen. Eigentlich sind es Klangtexte oder Klangräume. Sie hat literarische Formen revolutioniert oder neu geschaffen, aber auch alte Formen wie den antiken Chor neu benutzt.

„Sie war eine der ersten Autorinnen, die eine Homepage hatte und dort veröffentlicht hat.“
Pia Janke

Insgesamt bedient Jelinek ein großes Spektrum an Gattungen.
Mit „Die Liebhaberinnen“, „Die Klavierspielerin“, „Lust“ oder „Neid“ hat sie bedeutende Romane geschrieben. Ihre „Textflächen“ haben die Theaterästhetik stark geprägt. Darüber hinaus hat sie Hörspiele geschrieben, Libretti, Drehbücher und Übersetzungen gemacht. Es gibt über 800 Essays von ihr. Und sie hat viel mit anderen Künstlerinnen wie Olga Neuwirth und Valie Export zusammengearbeitet. Da entstehen auch neue intermediale Werkformen.

Jelinek nutzt für ihre Werke auch das Horror- und Vampirgenre, mit dem sie Österreich darstellt. Tut sie das, weil ihre Heimat für Sie quasi etwas Unheimliches ist?
Das kann man sicher so sagen. Das Vampirmotiv ist ein Grundmotiv bei ihr, aber auch die Untoten, die im Boden liegen oder die nicht sterben können und immer wieder hochkommen, weil die Vergangenheit nicht aufgearbeitet ist. Das ist unter anderem Thema ihres Romans „Die Kinder der Toten“ und ihres Theatertextes „Rechnitz (Der Würgeengel)“.

Mit ihrem aktuellen Roman „Unter Tieren“ rücken das Finanzwesen und Herr Benko ins Visier.
Das Stück wurde kürzlich in Salzburg bei den Festspielen uraufgeführt. Darin geht es um das globale kapitalistische Finanzsystem. Tiere agieren dabei als Sprecher.

Jelinek ist aber nicht nur mit ihren Themen am Puls der Zeit…
Ja, genau. Sie war eine der ersten Autorinnen, die eine Homepage hatte und dort veröffentlicht hat. Es gibt Texte, die nur auf der Homepage sind. Dadurch behält sie die Verfügungsmacht über sie. Die Texte können sofort weltweit gelesen werden. Das ist auch ein demokratischer Vorgang. Das Publizieren im Internet steht auch für sie, weil sie ja als Person nicht mehr wirklich greifbar ist, nicht mehr in der Öffentlichkeit auftritt.

Foto: privat

Zur Person

Pia Janke ist Literatur- und Theaterwissenschaftlerin und außerordentliche Professorin an der Universität Wien. Sie leitet das von ihr gegründete Elfriede Jelinek-Forschungszentrum.

Lesen Sie mehr über Elfriede Jelinek

In der Septemberausgabe 2026 von „Welt der Frauen“ hat Print-Chefredakteurin Melanie Wagenhofer zum Heimatbegriff von Elfriede Jelinek recherchiert und Spannendes herausgefunden.

Melanie Wagenhofer

Chefredakteurin Print und Podcast

Ein Nachrichtenjunkie vertieft sich: Nach vielen Jahren im Tagesgeschäft liebt Melanie Wagenhofer es, sich ausführlich mit dem, was Frauen bewegt, zu beschäftigen und darüber zu schreiben – vorzugsweise, wenn es dabei um Zeitgeschichte, Kultur, Reisen, Kulinarik und besondere Menschen geht. Die gebürtige Mühlviertlerin hat Deutsch und Geschichte studiert und mehrere Bücher geschrieben.

[email protected]

Foto: Barbara Aichinger


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