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Eine Frau mit souveränem Eigensinn

Den 80er hat Rita Süssmuth schon genommen, ihr Engagement für 
Frauen ist aber ungebrochen. Die ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundestages beweist bis heute Haltung und Rückgrat.

In Deutschland stellt die CDU  seit zwölf Jahren mit Angela Merkel eine Kanzlerin. Diese ist seit 18 Jahren Parteichefin, die zweite Partei in der großen Koalition, die SPD, hat mit Andrea Nahles nun auch eine Parteichefin. Was ist da in Deutschland passiert, dass das möglich geworden ist?
Rita Süssmuth: Ich behaupte selbstbewusst, dass viele Frauen daran mitgearbeitet haben. Wir hatten die erste und die zweite Frauenbewegung, wir hatten eine sehr stürmische Zeit, die sicherlich von katholischer Seite so nicht bejaht worden ist, aber sie hat die Türen geöffnet für eine andere Sicht der Frauen. Damit wurde es auch möglich, in einer Krisenzeit doch eine Frau zuzulassen. Angela Merkel ist zum Zuge gekommen, als wir eine Krise in der Partei hatten, die nicht oberflächlich war, sondern es ging um Grundsätzliches.

In der Nachfolge Helmut Kohls?
Nicht nur in der Nachfolge. Ich habe hohe Wertschätzung für das, was er geleistet hat. Aber sein Bemühen um Geldzuwendungen für die CDU unterlag den Gesetzen, denen alle unterliegen. Das hat Angela Merkel damals sehr hartnäckig verfochten – und zu Recht.

Hat sie mit moralischer Integrität gepunktet?
Wenn ich jetzt den Familienkontext miteinbeziehe, dann war das für sie, wie bei der Flüchtlingsproblematik, eine ethische Frage: Wie verhalten wir uns zu den Gesetzen, die wir uns selbst gegeben haben? Wozu verpflichtet uns, auch in der Flüchtlingsfrage, das, wozu wir uns in den Grundgesetzen, in den Menschenrechten verpflichtet haben?

Ist es für Frauen ein Vorteil, dass sie nicht so stark in Netzwerken verankert und daher auch anderen nicht so verpflichtet sind?
Das sehe ich anders. Die Netzwerke brauchen wir Frauen umso mehr. Ich sehe den Vorteil, dass man als Frau etwas zur ­Sprache bringt, was ungewöhnlich ist.

Es sieht so aus, als ob Angela Merkel in der Besetzung ihres Kabinetts eine unaufgeregte, aber selbstverständliche Frauenpolitik machte.
Das hat sie auch versprochen. Die CDU/CSU ist, was Frauen angeht, die schwächste Fraktion im Deutschen Bundestag. Es ist wunderbar, was beispielsweise die neue Generalsekretärin Annegret Kramp-­Karrenbauer an Potenzial mitbringt.

Lesen Sie das ganze Interview in der Printausgabe.

Rita Süssmuth gilt als die Frau, die der CDU „den Feminismus beigebracht hat“. Die Professorin für Erziehungswissenschaften war von 1985 bis 1988 Familien­ministerin im Kabinett Helmut Kohl. Von 1988 bis 1998 fungierte sie als Präsidentin des Deutschen Bundestages. Sie vertrat häufig eine liberalere Linie als große Teile ihrer Partei, beispielsweise in der Frage des Umgangs mit Aidskranken und Flüchtlingen oder des Selbstbestimmungsrechtes der Frauen im Schwangerschaftskonflikt.Rita Süssmuth war im März 2018 auf ­Einladung des Frauenreferates ­Ober­österreich in Linz.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 05/18