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Echte Gleichberechtigung muss her!

Edith Schratzberger-Vécsei, Präsidentin der „European Women’s Lobby“, über politische Pflichten nach #MeToo.

Die #MeToo-Debatte hat das Bewusstsein für sexuelle Belästigung geschärft. Wie kann die Gesellschaft dies nun nutzen, um eine neue Kultur des Miteinanders zu etablieren?
Edith Schratzberger-Vécsei: Zuerst gilt es, diese Verletzungen als solche anzuerkennen und klarzumachen, dass sexuelle Belästigung in jeder Form inakzeptabel ist. Was bis vor Kurzem noch „normal“ war oder als Kavaliersdelikt abgetan wurde, wird jetzt nicht mehr toleriert! Übergriffe sind eng mit Macht verbunden. Daher braucht es eine Änderung der Machtverhältnisse. Und es braucht auch Solidarität mit den Opfern.

KritikerInnen meinen, dass Betroffene zusätzlich stigmatisiert werden, wenn jeder Bescheid wisse. Was denken Sie darüber? Stigmatisierung ist dann ein Problem, wenn ein System sich auf die Seite der Täter stellt, Opfer als „männerfeindliche SpielverderberInnen“ hinstellt oder sie beschuldigt, die Übergriffe provoziert zu haben. Umso mehr Respekt habe ich vor jenen, die sich sprechen trauen, damit sich etwas ändert.

Steckt in jedem Täter auch ein Opfer, das versucht, eine eigene alte Ohnmacht zu überwinden?
Für manche TäterInnen mag das durchaus zutreffen. Gewichtiger ist aber, dass es für Opfer in unserer Kultur lange Zeit schwer oder gar nicht möglich war, sich zu melden. Oft blieb nur ein diffuses Unbehagen, aber nicht das eindeutige Gefühl „Das muss ich mir nicht gefallen lassen!“.

Wie kann jede und jeder ein feineres Gespür für eigene und fremde Grenzen entwickeln?
Wir müssen von Kindheit an lernen, achtsam mit uns selbst und anderen umzugehen. Nur dann lassen sich Grenzen wahrnehmen.

Edith Schratzberger-Vécsei ist Allgemeinmedizinerin, Systemische Familientherapeutin und seit 2016 Präsidentin der „European Women’s Lobby“. Sie ist verheiratet, Mutter von drei Kindern (24, 20 und 15 Jahre alt) und lebt in Wien.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 01-02/18