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Die Marathon-Queen

Die Britin Paula Radcliffe (45) ist die schnellste Marathonläuferin der Welt. Weder ihr Asthma noch etliche Verletzungen hielten sie davon ab, sich ihren Traum zu erfüllen. Was sie antreibt, wie sich ihr Leben durch ihre Kinder verändert hat und was nach dem Leistungssport kommt.

Die Pulsuhr bleibt zu Hause. Die Zeit geben heute die Kinder vor. Frühstück machen, Pausenbrot schmieren, in die Schule bringen. Eine Stunde läuft Paula Radcliffe heute noch fast jeden Tag. Just for fun. Weil sie beim Laufen ganz bei sich sein kann. Weil sie sich danach besser fühlt. Weil sie dabei gut nachdenken kann und aufhört, nachzudenken. Weil sie das Laufen liebt und weil das Laufen „ein Teil von ihr“ ist.

Paula Radcliffe hat ihr halbes Leben in Laufschuhen verbracht. In ihrem Heimatland ist die Britin eine Legende. Sie ist Mitglied der englischen Hall of Fame für Athletik und Trägerin des Verdienstordens „Order of the British Empire“. Der Marathon-Weltrekord, den sie 2003 in London lief, hält immer noch: 2:15:25 Stunden – mit dieser Zeit stieß sie in Dimensionen vor, die bis dato nur Männern vorbehalten waren. Dreimal gewann sie den Marathon in London und dreimal den in New York. Nur bei Olympia hatte sie stets Pech. 2000 in Sydney führte sie 24 von 25 Runden und wurde dann doch nur Vierte. 2004 in Athen musste sie aufgeben, weil sie ein Schmerzmittel nicht vertrug, und 2008 in Peking kam sie, nach einem Ermüdungsbruch nicht ausreichend trainiert, als 23. ins Ziel. Bitter auch die Enttäuschung, als sie die Olympischen Spiele 2012 in London wegen einer Verletzung absagen musste. Die Fußverletzung war auch der ausschlaggebende Grund dafür, dass Paula Radcliffe 2015 ihre Karriere beendete.

SPORT ALS FAMILIENTRADITION
Heute arbeitet sie als Sportkommentatorin, sie plant ein Projekt, mit dem sie Kinder für Leichtathletik interessieren möchte, oder fungiert als Testimonial wie zuletzt für den Linz-Marathon.

Lange blonde Haare, dezentes Make-up, grauer Nike-Pulli, schwarze Jeans und Laufschuhe. Paula Radcliffe kommt sportlich-leger daher. Sie spricht gut Deutsch, beantwortet die Journalistenfragen auch auf Deutsch und wirkt fast ein bisschen schüchtern, als sie sich für ihre Fehler entschuldigt: „Mein Französisch ist besser als mein Deutsch.“ Hin und wieder fällt der polyglotten Britin, die ein Auslandsjahr in Düsseldorf und eines in Font-Romeu verbrachte, ein Wort nicht ein – „‚regret‘, was heißt das?“ „Bedaure“, hilft man prompt aus.

Tatsächlich bedauert Paula ­Radcliffe kaum etwas, wenn sie auf ihr Leben zurückblickt. Sie wuchs in einer Sport­lerfamilie auf. Ihre Großtante Charlotte ­Radcliffe hatte 1920 bei den Olympischen Spielen eine Silbermedaille im Schwimmen gewonnen (in der Freistilstaffel über 4 x 100 Meter). Ihr Vater lief Marathons und Halbmarathons. Schon als Vierjährige begann Paula, ihn ein Stück bei seinen Samstags-Laufrunden im ­Delamere ­Forest zu begleiten. Als Elfjährige schloss sie sich dem Leichtathletikverein ­„Bedford & County“ an. „Meine Karriere hat vielleicht begonnen, als ich mit elf Jahren Ingrid Christiansen beim London-­Marathon unterwegs zum Weltrekord gesehen habe. Später wollte ich das auch machen“, ­erinnert sie sich.

Paula Radcliffe mit ihrem unnachahmlichen Stil, immer mit dem Kopf wackelnd, kämpfte sich Schritt für Schritt an die Weltspitze. Mit 17 gewann sie im Cross-Country ihren ersten nationalen Jugend-Einzeltitel, und als 18-Jährige wurde sie Cross-Country-Weltmeisterin bei den Juniorinnen. Aber es gab auch Durststrecken. 1994, als sie nach einer langwierigen Fußverletzung fast ein Jahr lang pausieren musste, zog sie sogar ein Karriereende in Erwägung.

Aber Paula Radcliffe ist eine Kämpfernatur. Geprägt hat sie ihre Großmutter: „Wenn etwas nicht geklappt hat, hat sie immer gesagt: ,Weine ein bisschen, lern davon und dann geh weiter.‘“ Man müsse immer vorausschauen und sich ein neues Ziel setzen.

Lesen Sie den gesamten Text in der Printausgabe.

Frau Radcliffe, wir würden gern noch wissen, …

… ob Sie je das Gefühl hatten, als Frau benachteiligt zu sein?
Paula Radcliffe: Ich kann mich kaum an einen Wettkampf erinnern, in dem ich anders behandelt wurde, weil ich eine Frau bin. Männer und Frauen laufen dieselben Distanzen, das Preisgeld beim Marathon ist gleich. Ich glaube, es gibt dieselben Chancen für Frauen und Männer. Das ist nicht in allen Sportarten so.

… welche Tipps Sie für HobbyläuferInnen haben?
Spaß haben ist das Wichtigste. Man kann mit Freunden laufen oder in einem Verein.

… was man beim Laufen fürs Leben lernen kann?
Man sollte immer ein Ziel im Leben haben und alles versuchen, es zu erreichen. Auch wenn man nicht bis zum Ende durchhält, kann man auch auf der Strecke etwas erreichen.

… ob Sie eine entspannte Mutter sind?
Ich bin vielleicht eine behütende Mutter. Ich finde aber auch, dass Kinder ihren eigenen Weg gehen sollten.

… was Sie vom Brexit halten?
Ich bin nicht stolz auf das britische Volk. Es ist immer besser, wenn man in einem Team in die Zukunft geht. Ich glaube, die meisten Menschen haben über etwas abgestimmt, das sie nicht verstanden haben. Ich lebe seit 2005 in Monaco. Wenn ich kann, bleibe ich dort.

Paula Radcliffe ist die schnellste Marathonläuferin der Geschichte. Ihr 2003 beim London-Marathon gelaufener Weltrekord in der Zeit von 2:15:25 Stunden ist immer noch gültig. In den Jahren 2000, 2001 und 2003 wurde sie Weltmeisterin im Halbmarathon, 2001 und 2002 im Crosslauf. 2005 wurde sie Weltmeisterin über die Marathondistanz. Die Britin gewann jeweils dreimal den Marathon in London und New York City sowie einmal den Chicago-Marathon.

Ihre Karriere als Läuferin hat Paula Radcliffe 2015 beendet. Heute arbeitet die studierte Europa­wissenschaftlerin und Mutter zweier Kinder als Sport­kommentatorin oder fungiert als Testimonial für den Linz-Marathon, der am 14. April stattfindet.

Paula Radcliffe, David Walsh: Paula. My story so far.
Verlag Simon & Schuster, 12,24 Euro.
(in englischer Sprache)