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Die Mär vom lebenden Christbaum

Es war einmal eine junge leicht bio-angehauchte Familie, die hinter den hohen Bergen im schönen München wohnte. Sie beschloss, ihr erstes Weihnachtsfest in ihrer neuen Wohnung auf ganz besondere, nachhaltige Art zu feiern. Der Star Ihres Weihnachtsfests war ein liebevoll im Laden ausgesuchtes lebendes Christbäumchen. Nach dem Fest sollte es im Garten eingebuddelt werden, damit sie sich viele Jahre noch an seinem Anblick ergötzen können würde und an ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest in der neuen Heimat erinnert werden würde.  So weit so gut, ein gelungenes, modernes Familienmärchen eben.

Leider ist die Mär hier nicht zu Ende, denn ansonsten würden Sie sich vermutlich fragen, warum mich derartig Weihnachtliches quasi mitten im Frühling noch tangiert. Nun, unser tüchtiges Bäumchen wechselte die Farbe sehr rasch von sattem Grün in abstoßendes Braun. Erst einige Äste und bald der ganze Baum. Trotz liebevoller Pflege, im Internet recherchierter Tipps in punkto Aufenthalt im Innenraum und Bewässerung, machte unser Bäumchen der Hoffnung einen äußerst kläglichen Eindruck und thronte wie ein Mahnmal im Garten nebens Michis Fußballtor. Meine patente Mama fasste sich ein Herz und wollte dem Trauerspiel endlich ein Ende setzen. Nach ihrer Theorie hätte der „kleine Braune“ nur die reichhaltige Innviertler Erde und ein sonniges Plätzchen im heimischen Gärtchen gebraucht, um sich zu rehabilitieren. Ich war sehr für den beherzten Rettungsversuch dankbar und erleichtert, den traurigen Anblick aus meiner Sichtachse entfernt zu haben. Stellen Sie sich vor, meine Mutter staunte nicht schlecht! Das Bäumchen war kein im Topf Gezogenes, sondern ein im Wald Ausgerissenes, dem sämtliche Wurzeln, bis eine eingekürzte Hauptwurzel abgeschnitten wurden. So wurde der arme Kerl quasi ohne Wurzelwerk in einen Erdtopf gepfropft mit kaum mehr Überlebenschance als wäre er über der Oberfläche abgeschnitten worden. Als ich das erfahren habe bin ich übergekocht vor Wut und Enttäuschung. Enttäuschung, dass meine sentimentale Idee des lebenden Glücks- und Erinnerungsträgers im Garten mit diesem Kandidaten niemals hätte funktionieren können und wütend, dass ich als Kundin für vollkommen blöd verkauft wurde. Ein äußerst bitterer Nachgeschmack, der sich vielleicht noch in einem Brief an die Geschäftsleitung entladen wird. Noch einmal gehe ich so einer Masche nicht auf den Leim!

Susi Nagele-Krautgartner

wurde 1982 geboren und lebt mit Mann und Sohn in München. Die promovierte Kunstpädagogin und Künstlerin realisiert Kunst- und Kunstvermittlungsprojekte verschiedener Sparten im In- und Ausland. Dafür wurde die gebürtige Innviertlerin bereits mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Themen wie Gleichstellung, Gender und deren lebenspraktische Umsetzung beschäftigen sie in all ihren Texten und Bildern. Der Blog ist die Fortsetzung von “Susis Babyzeit” (2014-2016). www.susikrautgartner.com