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Die Macht ist ein „Wir“

Harald Katzmair, Soziologe und Philosoph, zählt international zu den führenden Experten der Analyse von Netzwerken. Im Interview wirft er einen Blick auf die Funktionsweise und die Besonderheiten von Frauennetzwerken.

Brauchen wir in Zeiten von Social Media überhaupt noch klassische Netzwerke?
Harald Katzmair: Ich glaube, dass es ein Revival dieser Offline-Beziehungen und Netzwerke geben muss. So wie wir derzeit in den virtuellen Räumen übereinander herfallen, kann das nicht gut für unsere Gesellschaft sein. Grund dafür ist der Algorithmus der sozialen Medien. Er ordnet Menschen nach Ähnlichkeit an, verbindet also Gleich und Gleich. Dadurch entstehen die Echokammern. Genau das ist auch oft das Problem von Frauennetzwerken: dass es eine zu hohe Ähnlichkeit unter den Mitgliedern gibt.

Ist die mangelnde Diversität ein Frauenproblem? Sind Männernetzwerke diverser?
Denken wir an einen klassischen Stammtisch. Da sitzen ein Pfarrer, ein Arzt, ein Anwalt, ein Jäger – jeder ist anders, sie ergänzen und helfen einander, und dadurch haben sie Macht. Würden dort nur Pfarrer oder nur Anwälte sitzen, wäre die Macht des Netzwerks eine andere. Die Variabilität ist wichtig, und dazu gehören nicht nur unterschiedliche Altersgruppen und Berufe, sondern auch Gender-Diversität. Frauennetzwerke werden oft aus gemeinsamer Betroffenheit heraus gebildet. Das führt dazu, dass in diesem Netzwerk gemeinsam Dinge verarbeitet werden und sich Frauen emotional unterstützen. Aber sie können sich nicht ökonomisch oder machtpolitisch unterstützen. Das ist das Problem. Das Netzwerk hat eine therapeutische Funktion, die sehr wichtig ist, und allein deshalb braucht es Netzwerke, die darauf abzielen, dass die Mitglieder unter sich bleiben. Aber parallel dazu sollte man ein Netzwerk aufbauen, in dem es Frauen und Männer gibt und das möglichst divers ist.

Welchen Anteil am Erfolg hat das Netzwerk? Geht es eigentlich auch ohne?
Nein. Macht ist das Produkt von Ressourcen mal Netzwerk. Man benötigt Ressourcen, Energie, die man einbringen kann, und ein Netzwerk, um diese Ressourcen sozusagen auf die Straße bringen, wirksam einsetzen zu können. Das Spannende ist ja nicht, wie man an die Macht kommt, sondern wie man an der Macht bleibt. Und es ist immer eine Gruppe, ein Netzwerk, das an der Macht bleibt. Ein einzelner Mensch kann vielleicht einmal irgendwo vorne mit dabei sein, aber er kann sich nicht halten. Wie Hannah Arendt sagte, ist die Macht immer ein „Wir“ und nie ein „Ich“.

Sind Frauennetzwerke denn überhaupt sinnvoll für die Anliegen von Frauen? Oder wäre es besser, zu sagen, dass man als Frau in einen Männerverein eindringen muss, weil man nur dann in die Machtposition kommt?
Grundsätzlich ist es durchaus so: Wenn ich mich entscheide, nach Spielregeln zu spielen, die in der Männerwelt aufgestellt werden, muss ich versuchen, bestimmte Machrituale zu übernehmen, um in dieser Männerwelt nach vorne zu kommen. Das ist die eine Option. Die andere ist, zu sagen: „Ich mach das nicht, wir Frauen machen unser eigenes Ding.“ In dem Moment, in dem ich sage: „Ich will die Spielregeln ändern“, braucht es allerdings ganz andere Strategien.

Lesen Sie das ganze Interview in der Printausgabe.

Der Text ist der Broschüre: „100 Jahre Frauen­wahlrecht“ des Landes OÖ entnommen.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 03/18

Foto: beigestellt