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Der perfekte Moment

Auf Omas gestrickter Patchworkdecke sitzen zwei leicht erkältete, quängelige Kinder. Eines rotzt, eines hustet, eines will Saft, das andere zur Mama und überhaupt ist die Stimmung trotz Animier-Oma im Hintergrund und Top-Fotoausrüstung im Keller. Ich will doch einfach nur ein nettes Bild, auf dem beide Kinder freundlich und engelsgleich lachen, in die Kamera schauen mit einem idyllischen Hintergrund und toller Lichtstimmung – das wird doch nicht zu viel verlangt sein? Beim Durchlesen dieser Zeilen überkommt mich ein hysterisches Lachen, und die gefühlte Selbstironie ist kaum zu ertragen. Ich stehe halt irrsinnig auf diese perfekten, hübschen Kärtchen, die zu besonderen Gelegenheiten verschickt und verschenkt werden. Seit fast zwanzig Jahren gestalte ich liebevoll meine Drucksorten und habe mittlerweile eine beachtliche Sammlung. Jetzt mit zwei kleinen Kindern ist die Herausforderung, ein brauchbares Bild zu bekommen wirklich enorm, vor allem, da ich meistens nur ein paar Sekunden fotografieren kann wegen besagter Stimmung und sonstiger kindlicher Befindlichkeiten. Was wäre, wenn es einmal keine Weihnachts- oder Osterkarten gäbe? Was wäre, wenn es stattdessen ein liebevoller Händedruck und eine Fertigkarte vom Diskonter wäre? Kein Weltuntergang, aber irgendwie würde etwas fehlen. Mir ist klar, dass das Idyll der perfekten Familie, frisiert, lachend und fleckenfrei angezogen eine temporäre und fragwürdige Illusion ist, die nur auf meinen Karten existiert. Dieses Jahr habe ich sogar zwei Bilder miteinander verschmolzen um das beste Ergebnis zu bekommen, vom großzügigen Einsatz diverser Filter ganz zu schweigen. Und dennoch lacht mein Herz, wenn ich das gelungene Bild sehe und mir vorstelle, wie ich die Karte allen, die sie haben wollen und auch allen anderen in die Hand drücke. Dafür darf Familie, Haushalt und das Leben allgemein das restliche Jahr chaotisch, unaufgeräumt und ein gelegentlich ziemlich verquer sein.

Susi Nagele-Krautgartner

wurde 1982 geboren und lebt mit Mann und Sohn in München. Die promovierte Kunstpädagogin und Künstlerin realisiert Kunst- und Kunstvermittlungsprojekte verschiedener Sparten im In- und Ausland. Dafür wurde die gebürtige Innviertlerin bereits mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Themen wie Gleichstellung, Gender und deren lebenspraktische Umsetzung beschäftigen sie in all ihren Texten und Bildern. Der Blog ist die Fortsetzung von “Susis Babyzeit” (2014-2016). www.susikrautgartner.com

 

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„WELT DER FRAUEN“ BESCHREIBT UND REFLEKTIERT VIELFÄLTIGE BEZIEHUNGEN UND BEZÜGE VON FRAUEN UND SIEHT SICH DABEI ALS INSPIRATIONSQUELLE FÜR MEHR PERSÖNLICHE LEBENSQUALITÄT.

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