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Der Flüchtlingsarzt von Lampedusa

Es ist stiller geworden um Lampedusa, seit im Sommer 2017 die italienische Regierung ein Abkommen mit Libyen geschlossen hat, das Flüchtlinge an der Überfahrt nach Europa hindert. Pietro Bartolo ist der Arzt, der in den vergangenen drei Jahrzehnten mehr als 300.000 Flüchtlinge und Migranten an der Inselmole als Erster empfangen hat.

Als ich Pietro Bartolo an einem Montagmittag im Poliambulatorium der Insel Lampedusa zum Interview treffe, herrscht in seinem Büro große Hektik: klingelnde Telefone, MitarbeiterInnen, die ein und aus gehen, PatientInnen, die an die Tür klopfen. Sie alle erwarten sich Hilfe von „ihrem“ Dottor Bartolo. Montags ist hier immer die Hölle los, es ist unendlich viel abzuarbeiten: „Während der Woche arbeite ich hier auf Lampedusa, und am Freitagabend steige ich ins Flugzeug, um in Italien und in Europa über meine persönlichen Erlebnisse mit den Flüchtlingen zu erzählen. Ich zeige auch Videos, denn oft kennen die Zuhörer nicht das wahre Ausmaß dieser Tragödie. Ich versuche Vorurteile abzubauen, die von bestimmten Politikern und Vertretern unseriöser Medien geschürt werden, die ein strategisches Interesse haben, der Bevölkerung Angst einzujagen. Ich nenne das Terrorismus.“

DER TOD IM MITTELMEER
Bartolos Stimme ist sanft und sein Blick gütig, aber bestimmt. „Dreißig Jahre lang stand Italien auf der richtigen Seite. Es errichtete weder einen Stacheldraht noch eine Mauer. Italien und Lampedusa haben Europa alle Ehre gemacht durch ihre beispiellose Gastfreundschaft. Europa hingegen nahm von uns nur dann Notiz, wenn eine große Zahl von Flüchtlingen hier ertrank. Durch das mit Libyen geschlossene Abkommen hat Italien die Grenze vor ­Libyen geschlossen, und der dortige Staatspräsident macht mit den Schleppern gemeinsame Sache, um die Flüchtlinge in Lager einzusperren, die ich als die heutigen Konzentrationslager bezeichne.“
Die meisten der aus Libyen ankommenden Flüchtlinge hatten bereits die gefährliche Durchquerung der Sahara hinter sich und waren dem Tod durch Verdursten entkommen. Danach riskierten sie den Tod durch Ertrinken im Mittelmeer und nahmen ihn bewusst in Kauf, nur um in Libyen der Hölle auf Erden zu entfliehen. „Wenn sie hier auf Lampedusa ankamen“, erzählt der Arzt, „waren die Zeichen der Gewalt an ihren Körpern unübersehbar: In den libyschen Lagern wurde und wird nach wie vor gefoltert und vergewaltigt. Menschen gelten dort als Ware.“

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Pietro Bartolo: einer, der nicht wegschaut

International bekannt wurde Pietro Bartolo durch den 2016 bei der Berlinale preis­gekrönten Dokumentarfilm „Seefeuer“. Der Regisseur Francesco Rosi folgte Bartolo darin bei der täglichen Arbeit als Arzt und zeigte, wie dieser alle ankommenden Flüchtlinge untersuchte, die lebendigen und die toten. Die kleine Mittelmeerinsel Lampedusa wurde daraufhin von Fernsehteams und JournalistInnen aus allen Ländern der Welt regelrecht gestürmt: Alle wollten diesen außergewöhnlichen Arzt interviewen. Im vergangenen Jahr folgte ein aufrührendes Buch, das Pietro Bartolo zusammen mit der italienischen Journalistin Lidia Tilotta schrieb und das auch ins Deutsche übersetzt wurde („An das Leid gewöhnt man sich nie“ – Suhrkamp Verlag). Es sind Geschichten aus dem Leben, seinem eigenen und dem einzelner Flüchtlinge, die er als Arzt begleitet hat.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 10/18