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Der Auto-Weltempfänger

Liegt es am Y-Chromosom? Oder warum sonst krächzt es aus den 
Buben reflexartig, sobald sie ein Auto in Händen halten?

Brmmmmm, wrmm, Brchrrrr. Autorennen, Sie verzeihen. Hier geht’s grad drunter und drüber, und Sie sollten auch gut aufpaaaassssen …
Das war knapp, entschuldigen Sie. Aber mein Sohn donnert gerade mit seinen Matchbox-Autos durch das Zimmer, während ich hier schreibe. Und die Straßenverkehrsordnung ist im Haus nur schwer zu exekutieren. 

Echt jetzt, eine Kolumne über Autos? Zugegeben, diesen Einwand hatte ein kleines Männchen auf meiner Schulter auch. „Die kannst du nur gegen die Wand fahren“, sagte es und setzte einen Vollvisierhelm auf. Doch das Männchen auf der anderen Schulter, jenes mit ÖAMTC-Fahrsicherheitstraining in den Knochen, meinte, ich solle ruhig mal schreiben. Sollten Sie also frühzeitig aussteigen, beschweren Sie sich beim Automobilclub.

Oder bei der Schöpfung. Ich meine, irgendwo muss sich das ja festmachen lassen, das mit dem Y-Chromosom und den Autos. Meine Tochter ist es jedenfalls nicht, die Explosionsgeräusche macht, während die Autos zusammenkrachen. Und ich war es auch nicht, der ihm beigebracht hat, wie das klingt. Ich glaube, das gehört zur Standardausstattung von Buben. Es verliert sich zwar in zunehmendem Alter, aber ganz geht dieses „Brch … krch … pfch“ nie verloren, es ist wie eine Tonspur, die im Hintergrund immer da ist. So in etwa wie dieses rätselhafte Geräusch, das seit den 1970er-Jahren aus einem russischen Sperrgebiet sendet. Summen, kurze Pause, summen, kurze Pause … jahrein, jahraus. Stellen Sie die Frequenz im Weltempfänger richtig ein, können Sie es hören. Niemand weiß warum, doch es ist immer da.

Die männlichen Weltempfänger müssen also diese kleinen Matchbox-Autos sein. Halte ich eines in Händen, „krchbrchzt“ es aus meinem Mund. Und mehr noch: Neben dieser Tonspur wird eine zweite Spur freigelegt, jene, auf der die dazugehörigen Erinnerungen gespeichert sind. Tränenreicher Verlust des Lieblingsautos am Sandstrand in Italien, stundenlanges Drehen des Autoständers im Spielzeuggeschäft, Aufsparen des Jausengeldes,  um das eine Auto mit knurrendem Magen kaufen zu können.

Echt jetzt, ich kann es verstehen, wenn er vor dem Autoregal steht und versucht, mich mit umgekehrter Psychologie – „Aber du kaufst mir das ja bestimmt nicht“ – zum Kauf zu motivieren. Da ist noch das weise Männchen auf der Schulter, das mahnt: „Du kannst ihm nicht immer alles kaufen.“ Und was sagt das andere Männchen? „Brmmmmm, wrmm, Brchrrrr.“

Manfred Wolf (38) ist Vater von zwei Kindern, lebt im Mühlviertel und schreibt haupt­beruflich für die Oberösterreichischen Nachrichten.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 05/18

Foto: privat