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Das mach ich doch mit Links!
Linkshändig in einer rechtsdrehenden Welt zu leben, ist manchmal anstrengend genug. Wenn Linkshänder und Linkshänderinnen aber auf die rechte Hand umlernen müssen, kann es dramatisch werden. Passiert heute ohnehin nicht mehr? Irrtum!

Anfangs war die Sache mit dem Grüßen, erinnert sich Veronika Vogl*. Sie war drei oder vier Jahre alt und sollte die rechte, die „schöne“ Hand geben, aber jedes Mal schnellte ihre linke Hand zum Gruß vor und sie erntete ungehaltene Blicke. Im Kindergarten wurde es nicht leichter. Die Kindergärtnerin riss ihr den Löffel aus der Linken und drückte ihn ihr in die Rechte. Als sie sich schwertat, wurde sie vor versammelter Kindergruppe verhöhnt.

Später glaubte es die nette Volksschullehrerin nur gut mit ihr zu meinen, als sie die Bitte von Veronikas Eltern, ihr linkshändiges Kind doch auch links schreiben zu lassen, ablehnte. „Das hat keinen Sinn. Sie verwischt sich ja alles.“ Die rechte Hand tat Veronika weh, sie musste den Arm ständig ausschütteln, sie drückte viel zu fest auf, aber sie schaffte es, mit der Rechten zu schreiben. „Meine linkshändige Mutter hatte kein Mitleid mit mir, denn ihr selber war diese Tortur als Kind schließlich auch nicht erspart geblieben“, erklärt sie.
Heute weiß Veronika Vogl, 58, dass sie schnell lernte, das zu werden, was sie rückblickend einen „Tausendsassa“ nennt. Sie wollte beweisen, dass sie alles genauso gut konnte wie die RechtshänderInnen, nein: besser. Wenn etwas nicht funktionierte, lag es nicht an den Umständen. Sie fand, sie hatte sich einfach zu wenig bemüht. Ihre Probleme blieben. Sie war schon Ende 40, als diese sich nicht mehr ignorieren ließen: „Ich agierte konfuser und konfuser. An schlechten Tagen ertappte ich mich dabei, dass jeder zweite Handgriff in der Küche unzweckmäßig war, dass ich Dinge in der falschen Reihenfolge tun wollte oder mir Gegenstände aus der Hand fielen“, erzählt sie. Erst als Veronika Vogl einen Zusammenhang mit ihrer Umschulung herstellte und sich auf die linke Hand rückschulen ließ, besserten sich die Symptome.

Geschichten wie die von Veronika hört man viele, wenn man einmal anfängt, sich mit dem Thema „Linkshändigkeit“ zu beschäftigen. Man braucht nur in eine x-beliebige Runde das Stichwort zu werfen. Sofort sprudeln die Leute los, als ob sie gewartet hätten, dass endlich mal wer fragt. „Linkshändigkeit ist nicht tabuisiert, aber sie wird nicht thematisiert. Wenn man es aber anspricht, zeigen sich viele betroffen“, sagt Elisabeth Ertl, Jahrgang 1956 und selbst umgeschulte Linkshänderin, die sich inzwischen auf die linke Hand hat rückschulen lassen.
In jeder Gesprächsrunde ist aber dann immer auch jemand, der sagt: „Heute ist Linkshändigkeit sowieso kein Thema mehr. Es wird doch niemand mehr umgeschult.“ Aber ganz so einfach ist es nicht.

VERKEHRTE WELT
Vom Schalthebel im Auto über Wasserhähne und Flaschendrehverschlüsse bis zu Kartoffelschälern, Ringblöcken und Computertastaturen: Aus Sicht von LinkshänderInnen ist vieles verkehrt herum. Es heißt oft, sie seien ungeschickt. Allerdings: Wenn einem linkshändigen Mann regelmäßig das Kleingeld aus der Geldbörse fällt, liegt es wohl eher daran, dass das Börserl für ihn spiegelverkehrt angeordnet ist. Und wenn eine linkshändige Frau es nicht schafft, eine gerade Scheibe Brot vom Laib herunterzuschneiden, hängt das damit zusammen, dass der Wellenschliff eines üblichen Brotmessers für sie genau an der falschen Seite angebracht ist. Nicht nur RechtshänderInnen, auch sehr viele LinkshänderInnen legen sich darüber oft keine Rechenschaft ab. „Wenn man ihnen dann Linkshänderprodukte zeigt, kommen viele erst dahinter, dass sie mit Abläufen Probleme haben“, erzählt Bruno Bereuter, Betreiber des „Linkshändershops“ in Bludenz.
Die Händigkeit eines Menschen ist genetisch festgelegt. Bei LinkshänderInnen dominieren die linke Hand und die rechte Gehirnhälfte, bei RechtshänderInnen ist es umgekehrt. Noch bis in die 1960er-Jahre war das unbekannt. Man hielt Linkshändigkeit für eine üble Angewohnheit, die es auszutreiben galt, weil sie noch dazu einen schlechten Ruf hatte. Redewendungen wie „link sein“, „jemanden linken“ oder „mit dem linken Fuß aufstehen“ legen Zeugnis davon ab, wie wenig neutral die linke Seite gesehen wurde. Im religiösen Kontext stand sie in engem Zusammenhang mit dem Bösen.
Für LinkshänderInnen ist schon der ganz normale Alltag in unserer an Rechtshändigkeit orientierten Kultur eine Abfolge von vielen kleinen Umwegen, bei denen sie umgreifen und übergreifen, zweimal nachdenken, ihre Hände verdrehen oder sich die Dinge erst zurechtrücken müssen, bevor sie sie verwenden können. Das meiste davon passiert unbewusst und funktioniert gut. LinkshänderInnen sind hochgradig anpassungsfähig, weil sie es sein müssen. Aber Automatisierungsprozesse funktionieren nur eingeschränkt, wenn man stetig gegen die eigene Natur und seine dominante Seite arbeiten muss. Und die regelmäßigen Umwege kosten Kraft. 30 Prozent mehr Hirnenergie als RechtshänderInnen müssen LinkshänderInnen dafür aufwenden.

PERMANENTE ANSTRENGUNG
Wenn dieser Kraftakt nun nicht nur bewältigbare Alltagstätigkeiten betrifft, sondern auch eine feinmotorisch und mental so komplexe Tätigkeit wie das Schreiben, kann es sehr problematisch werden. Denn Schreiben ist um vieles anspruchsvoller „als beispielsweise Zähneputzen, Kämmen oder Bügeln“, so die Berliner Psychologin und Psychotherapeutin Marina Neumann in ihrem Selbsterfahrungsbuch „Natürlich mit links. Zurück zur Linkshändigkeit“. Neumann schreibt weiter: „Muss ein Kind mit der nicht dominanten Hand schreiben, so muss es eine extreme, widernatürliche Anpassungsleistung vollbringen. Das ist nicht nur anstrengend, sondern bedeutet für viele Betroffene eine permanente feinmotorische Überforderung.“
Im Lauf einer langen Schulzeit werden durch eine solche Umschulung Abläufe im Hirn dauerhaft fehlgesteuert. Die Folgen sind vielfältig. Am häufigsten sind Müdigkeit, Sprachschwierigkeiten, Fehleranfälligkeit, das Verwechseln von Buchstaben, Ziffern und links und rechts, Konzentrationsstörungen oder Stottern. Der Bereich im Gehirn, der für die sogenannte Propriozeption, die Körperwahrnehmung, zuständig ist, ist bei Umgeschulten weniger aktiv. „Das bedeutet banal gesprochen: Umgeschulte spüren sich schlechter, mit allen Konsequenzen“, erklärt Elisabeth Ertl. Daraus wiederum entsteht eine ganze Reihe von Sekundärfolgen – von Minderwertigkeitsgefühlen und Überkompensation bis zu Rückzugstendenzen, Neurosen oder zahlreichen Krankheitssymptomen. „Der ständige Mehraufwand kann besonders bei ambitionierten Menschen zu Erschöpfung führen. Die sitzen dann mit 30 bei mir in der Praxis und haben das erste Burn-out“, erzählt die Wiener Linkshänderberaterin Andrea Hayek-Schwarz.