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Das Immunsystem braucht mehr als Quarantäne

Die Wochen des Lockdowns liegen hinter uns, dennoch machen sich Unsicherheit, Ängste und eine neue Einsamkeit breit. Ein gefährlicher Mix, warnt Christian Schubert. Der Mediziner weiß, wie Seele und Immunsystem zusammenspielen. Was kann man tun, um sich wohler zu fühlen?

„Wir befinden uns in einer paradoxen Situation“, betont Universitätsprofessor Christian Schubert. Der Psychoneuroimmunologe beschäftigt sich an der Innsbrucker Universitätsklinik für Medizinische Psychologie mit dem Wechselspiel von Psyche, Gehirn und Immunsystem. Das, was wir in den vergangenen Wochen und Monaten unterlassen mussten, sei exakt das, was uns guttut und unser Immunsystem gesund hält: soziale Kontakte zu Familie und FreundInnen, Geselligkeit, menschliche Nähe und Berührungen. „Die Auswirkungen der dramatischen Ausgangsbeschränkungen werden wir noch viele Jahre spüren“, befürchtet der Experte.

Stress durch Ängste und Einsamkeit

Menschen, die allein leben, mussten oftmals ganz auf soziale Kontakte und Alltagsberührungen wie Händeschütteln und Umarmungen verzichten. Die Isolation nagt weiterhin an alten Menschen – insbesondere jenen in Altenheimen –, die vielfach ohne Nähe zu ihren lieben Angehörigen auskommen müssen.

„Andere mussten ihren Frust, ihre Existenzängste, ihre Depression und ihre Aggression innerhalb der eigenen vier Wände austragen“, nennt der Mediziner ein weiteres Problem. ExpertInnen warnten schon zu Beginn des Lockdowns vor einem Anstieg von häuslicher Gewalt. Schubert befürchtet „desaströse Situationen“ nicht nur für Frauen, sondern vor allem für Kinder. „Ich rede von körperlichem, emotionalem und sexuellem Missbrauch“, betont er. „Traumatisierte Kinder sind gefährdet, an langfristigen Immunstörungen zu leiden, weil ein sich entwickelndes Immunsystem äußerst sensibel auf belastende, kalte und missbräuchliche Lebensumstände reagiert.“

Ganzheitlicher Blick

Dass der Lockdown Frauen und Kindern besonders zu schaffen machte, bestätigten zuletzt mehrere Untersuchungen: Analysen der Universität Wien im Monat März ergaben, dass Frauen deutlich unzufriedener mit ihrer Lebenssituation waren als Männer; vor der Krise war es genau umgekehrt. Eine Onlineumfrage der Kinderfreunde zeigt, dass Kinder und Jugendliche die Isolation als sehr belastend erlebten. Nicht einmal der Hälfte der Befragten ging es „eh gut“.

Was der Arzt außerdem kritisiert: Die Fokussierung auf das „böse Virus“, das es um jeden Preis in den Griff zu bekommen gilt, sei eine einseitige Sicht auf die Pandemie. Sie wird den ganzheitlichen Bedürfnissen von Menschen nicht gerecht. Die Folgen sind Einsamkeit, Angst und chronischer Stress, alles Faktoren, die unsere Immunabwehr schwächen. „Man vergisst, dass die Rechnung nicht ohne den Wirt – die Menschen und ihr Immunsystem – gemacht wird“, betont Schubert.

Statt präventiv die Abwehrkräfte zu stärken, ist der Lebensstil vieler ohnehin geprägt von Stress und (Zeit-)Druck. Nicht nur alte und chronisch kranke Menschen, auch chronisch Gestresste haben eine reduzierte Immunabwehr. „Es fehlt dann vor allem genau an jenen Immunfaktoren, wie beispielsweise bestimmten weißen Blutkörperchen, den Typ-1-T-Helferzellen, die uns bei einer viralen Infektion schützen“, warnt der Arzt.

Indem wir den Blick auf das Gute in unserem Leben richten, „positiv durch die Krise“ gehen, stärken wir das Gefühl der Selbstwirksamkeit und unsere Abwehrkräfte. „Bei Menschen mit einer positiven Lebenseinstellung beobachtete man in Studien tatsächlich eine verbesserte Immunsituation sowie eine Verringerung von Entzündungsfaktoren“, sagt der Arzt und Psychologe.

Christian Schubert
Der Mediziner Christian Schubert plädiert, den Einfluss seelischen Wohlbefindens auf das Immunsystem nicht zu unterschätzen.

Schätzen, was gut ist

Gefühle der Dankbarkeit, der Fröhlichkeit und der Begeisterung fördern ebenfalls die Effizienz und Regulierung des Immunsystems. All das sind Gefühle, die „Welt der Frauen“-Leserinnen in dem Blog „Was ich gerade jetzt schätze“ teilen.

Hemma G. genoss die abendliche Fenstermusik. „Ich bin täglich sehr glücklich, dass meine 20-jährige Nachbarin immer um 18 Uhr das Fenster öffnet und hochprofessionell jeweils drei Stücke mit der Querflöte spielt“, schrieb sie.

Marion B.-B. nahm sich Zeit für die Malerei. „Ich male seit der Coronakrise täglich ein Bild in meinem Atelier. Ich schaue in den Spiegel, male ein Selbstporträt von mir mit einem Affen. Es gibt mir Kraft, Zuversicht, und es werden Seiten sichtbar, die ich sonst nicht sehen könnte.“

Vlastimila B. spazierte regelmäßig durch den Wald. „Am Bach sammle ich Kräuter. Dann koche ich Tee“, schreibt sie. „Ich schätze die Ruhe im Kreis der Familie und den Glauben.“

Glaube, Wald und Sonne

Spiritualität – der Glaube an Gott, die Kraft der Natur, die Liebe – erfüllt mit Sinn und stärkt erwiesenermaßen unsere Gesundheit. Dasselbe gilt für das Pflegen von Hobbys, ob man nun liest, sich mit Kunst beschäftigt, malt, häkelt, kocht oder gärtnert. „Wir wissen auch von der immunstärkenden Rolle von Achtsamkeitsmeditation“, ergänzt Schubert. Es entspannt und hat damit klare positive Effekte auf das Immunsystem, sich ganz dem zu widmen, was man gerade tut.

Ein Spaziergang im Wald, Bewegung an der frischen Luft und im Sonnenlicht stärken ebenfalls die Abwehrkräfte. Sonnenlicht unterstützt den Organismus bei der Produktion von Vitamin D, das immunschützend und immunstärkend wirkt.

Regeln für ein positives Miteinander

Um gut durch die Krise zu kommen, sollten wir es außerdem im Umgang mit anderen nicht bei den empfohlenen Maßnahmen belassen: Abstand halten, Maske tragen, die Hände desinfizieren. Wir sollten auch „psychosoziale Hygienemaßnahmen“ beachten, unterstreicht Schubert. „Wenn wir andere kränken oder verletzen, kann das immunsuppressiv wirken und die virale Empfänglichkeit erhöhen.“ Indem wir mit anderen und uns selbst wertschätzend umgehen, tragen wir zu unser aller Gesundheit bei.

Welt der Frauen Cover Juli/August 2020

Fotos: Johannes Plattner, DEEPOL by plainpicture/Jan Tepass

Erschienen in „Welt der Frauen“ Juli/August 2020

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