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Das goldene Mutterpodest

Vor fünf Jahren habe ich einige Monate in New York verbracht. Von einer Galerie zur nächsten, das Touristen-Programm, die Sex-and-the-City-Tour, auf die ich mich so gefreut hatte, unzählige hippe Lokale und flüchtige Bekanntschaften – man könnte sagen, ein Leben wie ein junger Hund. Wenn ich heute daran denke werde ich rührselig und frage mich, ob so eine Phase der Unbeschwertheit und der Selbstbestimmung jemals wieder in meinem Leben zurückkehren wird. Ich möchte keinen Tag mit meiner Familie missen, dennoch denke ich oft an meine wilde Sturm-und-Drang-Zeit zurück. Oft verfolgt mich meine Jugend in meinen Träumen und erst nach dem Aufwachen wird mir klar, dass ich jetzt in einer vollkommen anderen Haut stecke. Ich hatte nie verstanden, wie einen die Verantwortung für die eigene Familie verändern kann und damit meine ich nicht das wuchernde Büschel grauer Haare oder die Spuren der Schwangerschaften und schlaflosen Nächte. Die paradoxeste aller Lebenserfahrungen ist, so finde ich, das Gefühl nach der Geburt eines Kindes einerseits genau die Selbe zu sein und andererseits in einer neuen, anderen, viel zu weiten Haut zu stecken, in die man fürwahr erst hineinwachsen muss. Schon im Moment der Geburt meines Sohnes wurde mir das klar und als sich Michael das erste Mal an mich schmiegte konnte ich schon einen Hauch dessen erheischen, was auf mich zukommen würde. Die neue Haut wächst wohl ein Leben lang weiter – mit jeder Anforderung, die die Familie an einen stellt, mit jeder schmerzvollen, angsterfüllten aber auch kernerschütternden, schönen Erfahrung ändert sich dieses Hautgebilde und es gilt sich anzupassen – eine Wahl hat man nicht. Ein ständiger Wandel – ein reißender Strom, der ein Familienleben lang andauern wird.

Beim Ausgehen mit aktuell noch nicht allzu prominentem Babybauch letztes Wochenende habe ich einige junge, charismatische Frauen Ende 20 kennengelernt in entspannter Runde. Wortwitz, misslungene Annäherungsversuche gestrandeter Jünglinge, gute Musik und kühle Drinks – ein perfekter Abend. Es wurde gelacht, geblödelt und ich fühlte mich unbeschwert und wie eine von ihnen. Als sie von meiner Schwangerschaft, meiner Ehe und meinem Kind erfuhren behandelten sie mich plötzlich komplett anders, stellten mich auf ein Podest, strahlen mich an als wäre ich eine Mischung aus einer exotischen Fruchtbarkeitsgöttin und Buddha – alle wollten meinen Bauch rubbeln. Das war verstörend, da sie plötzlich diese scharfe, trennende Linie zwischen uns zogen. Letzten Endes habe ich dennoch beschlossen in dem Gefühl des Erstaunens und der ungefilterten Bewunderung zu baden und die mir unfreiwillig zugetragene Andersheit zu genießen, auch wenn ich eigentlich nur darauf aus war einen Abend wie damals zu verbringen mit alkoholfreien Cocktails, einem Kleid, das nicht einschnürt – unbeschwert und inmitten von Gleichgesinnten. Ich bin trotzdem dankbar für diesen Exkurs und freue mich auf den nächsten geselligen Abend in netter Runde.

Susi Nagele-Krautgartner

wurde 1982 geboren und lebt mit Mann und Sohn in München. Die promovierte Kunstpädagogin und Künstlerin realisiert Kunst- und Kunstvermittlungsprojekte verschiedener Sparten im In- und Ausland. Dafür wurde die gebürtige Innviertlerin bereits mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Themen wie Gleichstellung, Gender und deren lebenspraktische Umsetzung beschäftigen sie in all ihren Texten und Bildern. Der Blog ist die Fortsetzung von “Susis Babyzeit” (2014-2016). www.susikrautgartner.com