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Das Gift der Sterne

Wenn ein Buch, ein Hotel oder gar ein Mensch schlecht bewertet wird und der eigene Instinkt ins Schlingern gerät: Was sagen Rankings eigentlich aus?

Einen Meerurlaub ohne Buch anzutreten kam mir wirklich traurig vor. Also noch schnell in das Flughafengeschäft, dort schnappte ich mir ein Taschenbuch, von dem ich einmal in der Zeitung gelesen hatte. Schon im Flugzeug kippte ich hinein in die Geschichte, ich las im Hotel nach dem Aufstehen und vor dem Einschlafen, im Liegestuhl und beim Frühstück. Das Buch war mein ständiger Begleiter in der Badetasche. Am liebsten hätte ich den anderen UrlauberInnen um mich herum begeistert davon erzählt, konnte mich aber gerade noch bremsen, die Italienerinnen mit einem deutschen Roman über den Vorabend des Zweiten Weltkriegs zu behelligen.

Weil ich mich aber über meine Lektüre austauschen wollte, suchte ich nach Kommentaren im Internet. Es gab zahllose positive Kommentare, die sich mit meinen Eindrücken deckten, und auch viele negative, die ich auch durchlas: Sie kritisierten oberflächlich beschriebene Charaktere, das Buch sei sprachlich holprig, gesichtslos, langweilig, zäh, ein Fall für den Altpapiercontainer. Ja, ich fand es auch ein wenig klischeehaft, aber trotzdem hat mich das Buch in seinen Bann gezogen, und ich war fast beleidigt über die Kritik.

Beim Weiterlesen hatte ich nun ständig die negativen Kommentare im Kopf. Ja, diese Figur war wirklich etwas platt gezeichnet, manches tatsächlich nicht ganz ausgegoren. Plötzlich hatte ich selbst auch die Kritikerbrille auf, die ich eigentlich zu Hause gelassen hatte, als ich mich im Urlaub so richtig reinlegte ins Lesevergnügen. Es brauchte etwa 50 Seiten, bis ich wieder Spaß hatte an meinem Buch, bis ich die negativen Kommentare im Hinterkopf abschütteln konnte und mich wieder auf meine eigene Stimme verließ.

BLOSS KEINE ÜBERRASCHUNGEN
Weil man aber doch nicht alles selbst testen kann und will, boomen Rankings und Bewertungen – damit man bloß keine bösen Überraschungen erlebt und die rare freie Zeit optimal nutzen kann. Wer einmal im Jahr auf Urlaub fährt, will meist keine Experimente. Wenn ich mir einen Abend für ein Essen freischaufle, möchte ich nicht im schlechtesten Lokal der Stadt sitzen. Wenn ich mir ein Buch auf eine einsame Insel mitnehme, dann wahrscheinlich nicht das, das bei Amazon nur einen Stern erhalten hat. Und so kämpft man sich durch Sterne, Punkte und Kommentare, auf der Suche nach idealen Ergebnissen. Wer nimmt schon freiwillig das Hotel mit den schlechten Bewertungen, sieht sich den Film an, der nur zwei von fünf Sternen hat, oder verschwendet die Studienzeit an einer Universität mit miesem Ranking? Es gibt Rankings von so ziemlich allem: Eissalons, Klassik-Neuerscheinungen, Arbeitgebern, Websites, Skigebieten … Wer auf Platz sieben oder acht rangiert, könnte auch gar nicht auf der Liste stehen: Es würde keinen Unterschied machen. Hinten sind manchmal die weniger guten, manchmal aber auch die Leiseren, die weniger Vernetzten, die noch Unbekannten, die weniger Massentauglichen, die Geheimtipps.

Wie sehr negative Kommentare einen eigenen offenen Blick beeinflussen können, wurde mir bei meinem Leseerlebnis bewusst. Wie sehr Zurufe von außen eine subjektive Betrachtungsweise ins Schlingern bringen können. Wenn schlecht über Menschen oder Menschengruppen gesprochen wird, verläuft es ja ähnlich.

Menschen kennen sich einfach gerne aus, wenn etwas neu ist, und wollen böse Überraschungen vermeiden. Wenn Eltern wissen möchten, wie die neue Lehrerin so ist, erfragen sie oft zahlreiche Meinungen. Und doch nützen dem eigenen Kind weder die hymnischen noch die apokalyptischen Kommentare. Erfahrungen kann man eben doch nur selbst machen. Also: Augen zu bei Rankings und Sternen, einfach genießen und sich selbst eine Meinung bilden. Und bei meinem nächsten Lieblingsbuch bleibt der Computer zu.

Illustration: Pointecker

Erschienen in „Welt der Frauen“ 03/19