10

19

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Damenwahl #6

Anmerkungen zur politischen Lage, 11. August 2019

Als Alleinerzieherin wisse sie, wie das ist, wenn man bei Behörden wie eine Bittstellerin vorsprechen muss. Sie wisse, wie das ist, wenn man versuchen muss, irgendwie mit wenig Geld durchzukommen, und dann auch womöglich noch schief angeschaut wird – könnte man nicht einfach mehr arbeiten? Gute Idee, und wer sorgt inzwischen für die Kinder?

Die Parteivorsitzende der Liste JETZT, Maria Stern, warb für ihre Fraktion im ORF-Sommergespräch unter anderem mit der Glaubwürdigkeit, die sie aus persönlicher Lebenserfahrung ziehe. Alleinerziehend mit drei Kindern ist sozusagen typisch weiblich, die Statistiken bestätigen das hinlänglich. Wie sie auch dokumentieren, dass die Armutsgefahr für kaum eine Gruppe größer ist, Frauen wie Kinder. Noch immer gibt es keine Regelung des Unterhaltsvorschusses, der unabhängig von der Leistungsfähigkeit des säumigen Unterhaltsverpflichteten auf das Konto des überwiegend erziehenden Elternteiles einlangte.

Ist es nun in Ordnung, dass eine Politikerin mit ihrer persönlichen Erfahrung wirbt? Ist es Anbiederung, weil sie als Nationalratsabgeordnete doch nun dieser Bredouille längst entkommen ist? Oder ist es vorbildlich, frühere prekäre Lebensumstände nicht zu behübschen, sondern offensiv zum Thema zu machen? Politik und politische Vertreter agieren in der Regel nach Gruppeninteressen. Ob Wirtschaftsbünde oder Gewerkschaften, ob Bundesländer, Volksgruppen oder Berufsfelder, man versucht durchzubringen, was die eigene Klientel erwartet. Kann man mit der Gruppe der Alleinerziehenden als „Hausmacht“ in eine Wahl gehen? Dass jemand wie Frau Stern diese Menschen mit ihren spezifischen Erfahrungen zum öffentlichen Thema macht, erweitert das Spektrum der Wahrnehmung, wer in Österreich unter welchen Umständen lebt. Und abgesehen davon ist es sehr irritierend, dass gerade höchst belastete Frauen und ihre Kinder so wenig selbstverständlich Unterstützung und einen wertschätzenden Umgang erwarten dürfen. Wenn es dazu eine Wahl braucht, um das anzusprechen, ist es wenig gut bestellt um das menschenfreundliche „Hoamatland“.

Foto: JETZT – Liste Pilz

Christine Haiden

Dr.in Christine Haiden wurde am 2. März 1962 in Euratsfeld, Niederösterreich, geboren, maturierte 1980 in Amstetten. Ihr Jusstudium in Linz schloss sie 1984 ab, danach absolvierte sie ihr Gerichtsjahr. 1986 begann Christine Haiden als Redakteurin und Verlagsassistentin im Verlag Welt der Frau. Von 1992 bis 1993 war sie Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Caritas Oberösterreich, ehe sie 1993 Chefredakteurin der Welt der Frau wurde. Zusätzliche Aufgaben übernahm sie als Moderatorin und Autorin mehrerer Bücher („Gartenmenschen“, „Maximilian Aichern – Bischof mit den Menschen“ oder „Vielleicht bin ich ja ein Wunder. Gespräche mit Hundertjährigen“). Sie ist Mitbegründerin des Frauennetzwerkes im OÖ. Presseclub und seit 2007 Präsidentin des OÖ. Presseclubs. Seit Herbst 2008 außerdem Kolumnistin der OÖNachrichten „Haiden am Donnerstag“.

Über Welt der Frauen

„WELT DER FRAUEN“ BESCHREIBT UND REFLEKTIERT VIELFÄLTIGE BEZIEHUNGEN UND BEZÜGE VON FRAUEN UND SIEHT SICH DABEI ALS INSPIRATIONSQUELLE FÜR MEHR PERSÖNLICHE LEBENSQUALITÄT.

ABO & Shop

2019 © WELT DER FRAU VERLAGS GMBH

nach oben