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Damenwahl #5

Anmerkungen zur politischen Lage, 4. August 2019

Frausein allein ist noch kein Programm – der Satz hat was. Einerseits ist es eine Art Privileg von weiblichen Mandatarinnen, auch aufgrund ihres Frauseins auf Listen gute Plätze zu bekommen. Andererseits ist die Rückführung aller Probleme, die man in der Ausübung seiner politischen Aufgaben hat, auf den Faktor weiblich, wenig treffsicher. Ein Beispiel.

NEOS werden von einer Frau geleitet, die SPÖ auch. Während der Regierungskalamitäten im Gefolge des „Ibiza-Videos“ meinten erstaunlich viele in meinem Umfeld zu Beate Meinl-Reisinger: „Macht das sehr gut, gefällt mir“. Pamela Rendi-Wagner hingegen konnte bei kaum jemand punkten. Zwei Frauen, zwei Welten. Woran liegt das? Wer die NEOS-Chefin bei Auftritten beobachtet, gewinnt den Eindruck, dass ihr der Job, den sie da übernommen hat, richtig Spaß macht. Sie liebt offenbar die politische Bühne und sie wirkt im notwendigen Streit um die Sympathie des Publikums souverän und meist humorvoll. Und sie hat, soweit ich beobachten kann, noch nie die „Frauenkarte“ gezogen, um sich gegen Angriffe zu wehren.

Pamela Rendi-Wagner hingegen wirkt selten gelassen oder mit Lust an der Auseinandersetzung. Es scheint, dass das politische Parkett nicht ihr bevorzugter Ort der Selbstdarstellung ist. Als Gesundheitsexpertin hatte sie einen exzellenten Ruf, wenn sie aber skandiert, die erste gewählte Bundeskanzlerin werden zu wollen, wirkt das ein wenig wie Beschwörung der Schicksalsgötter. Wenn jemand trotz ehrlichem Bemühens nicht überzeugend rüber kommt, ist es wahrscheinlich, dass der politische Wettbewerb mit allem, was dazu gehört, nicht seinem Naturell entspricht. Bei Attacken der politischen Konkurrenz hat Pamela Rendi-Wagner sich schon darauf berufen, so etwas passiere nur einer Frau. Das Argument macht aber leider nichts besser. Es schadet eher der Reputation weiblicher Politikerinnen, weil es wehleidig wirkt. Denn schlussendlich entscheidet das Match, ob sie wirklich auf dem richtigen Platz eingesetzt sind, und das, was von ihnen verlangt wird, auch ihren Möglichkeiten entspricht. Frausein kann klug eingesetzt ein Bonus werden, man sollte aber vorsichtig sein, ihn als Malus den anderen moralisch unterstellen zu wollen.

Foto: SPÖ/Kurt Prinz

Christine Haiden

Dr.in Christine Haiden wurde am 2. März 1962 in Euratsfeld, Niederösterreich, geboren, maturierte 1980 in Amstetten. Ihr Jusstudium in Linz schloss sie 1984 ab, danach absolvierte sie ihr Gerichtsjahr. 1986 begann Christine Haiden als Redakteurin und Verlagsassistentin im Verlag Welt der Frau. Von 1992 bis 1993 war sie Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Caritas Oberösterreich, ehe sie 1993 Chefredakteurin der Welt der Frau wurde. Zusätzliche Aufgaben übernahm sie als Moderatorin und Autorin mehrerer Bücher („Gartenmenschen“, „Maximilian Aichern – Bischof mit den Menschen“ oder „Vielleicht bin ich ja ein Wunder. Gespräche mit Hundertjährigen“). Sie ist Mitbegründerin des Frauennetzwerkes im OÖ. Presseclub und seit 2007 Präsidentin des OÖ. Presseclubs. Seit Herbst 2008 außerdem Kolumnistin der OÖNachrichten „Haiden am Donnerstag“.

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