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Damenwahl #2

Anmerkungen zur politischen Lage, 14. Juli 2019

Neulich hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer ehemaligen Abgeordneten, nach dem mir mein Gehirn den Begriff „Damenverschleiß“ nahe gelegt hat. Sie war einst mit zwei anderen weiblichen Nachwuchshoffnungen in einen Landtag eingezogen, um relativ rasch zum Schluss zu kommen: „Das ist nichts für mich.“ Eigentlich hätte sie sich vorgestellt, nun mitgestalten zu können, tatsächlich erwartete man von ihr, sich einzupassen. In das Gefüge des Landtagsklubs, dessen Spitzen längst vor ihr wussten, wie sie zu argumentieren und abzustimmen hätte, in das Gefüge der Partei, die nach Hausmächten geordnet und nach wohl erworbenen Rechten vor sich hin werkelt, und schließlich in das Gefüge der öffentlichen Auftritte, die nach Präsenz bei Veranstaltungen aller Art verlangte.

Sowohl in ihrer Fraktion als auch in anderen schiebt man junge Frauen nach, weil das irgendwie auch ein Gebot der Stunde ist, aber ein Großteil verlässt, wie meine Gesprächspartnerin, nach einer Wahlperiode wieder das Feld, mehr frustriert als motiviert. Der Traum vom Gestaltenkönnen ist in vielen kleinen Seifenblasen verpufft. Die harte Realität der Macht in den Parteien hat gezeigt, dass doch noch immer der Bartl den Most holt und die weibliche Entourage eher die Rolle der ihn schmückenden Marketenderin übernehmen darf. Sind Frauen zu wenig pragmatisch, um zu erkennen, dass es eben dauert, bis man sich eine Position erworben und verdient hat? Haben sie zu idealistische Vorstellungen von Politik als Feld von Ruhm, Ehre und Weltverbesserung? Hätte man ihnen sagen müssen, was sie erwartet oder auch, dass sie nicht als Gestalterinnen, sondern als Quotenhilfen gesehen werden? „Die Strukturen sind unglaublich starr und ändern sich kaum“, meinte die Ex-Mandatarin. Von ihrem Ausflug in die Politik hat sie ein starkes Netzwerk in ihren Job in der Wirtschaft mitgenommen, immerhin. Soll man Frauen überhaupt raten, sich auf Wahllisten setzen zu lassen, in den Tretmühlen der Parteien kräftig mit zu strampeln? Schwierige Frage.

Auf eine innere Reform der politischen Realverfassung zu hoffen, ist naiv. Sie von innen verändern zu wollen, eine Herkulesaufgabe, abseits der Parlamente politisch aktiv zu sein, jedenfalls auch wichtig. Um den Damenverschleiß der großen Parteien zu minimieren, sollte man vermutlich konsequent auf Knowhowtransfer setzen. Erfahrene Politikerinnen, die ihr Wissen und ihre strategischen Techniken weitergeben, eine Art „open empowerment source“ als Frustvorbeugung für die Neustarterinnen, das wäre zumindest ein Packup. Oder eine neue Partei gründen und dort gleich als Chefin starten? Bis 2. August und mit einigen hundert Unterstützungserklärungen wären Sie dabei. Die einzige Frauenpartei gab es in Österreich übrigens in der 1. Republik. Sie wurde damals von Marianne Hainisch gegründet, einer bürgerlichen Aktivistin, die, nota bene, genug davon hatte, dass in ihrer Partei nichts weitergegangen ist in Sachen Frauen. Sie hat zumindest nie aufgegeben, nachdem sie schon für das erste Mädchengymnasium und das Frauenwahlrecht über Jahrzehnte mitgekämpft hat. Bleibt dann doch „Durchhalten!“ die Devise, auch für Frauen?

Christine Haiden

Dr.in Christine Haiden wurde am 2. März 1962 in Euratsfeld, Niederösterreich, geboren, maturierte 1980 in Amstetten. Ihr Jusstudium in Linz schloss sie 1984 ab, danach absolvierte sie ihr Gerichtsjahr. 1986 begann Christine Haiden als Redakteurin und Verlagsassistentin im Verlag Welt der Frau. Von 1992 bis 1993 war sie Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Caritas Oberösterreich, ehe sie 1993 Chefredakteurin der Welt der Frau wurde. Zusätzliche Aufgaben übernahm sie als Moderatorin und Autorin mehrerer Bücher („Gartenmenschen“, „Maximilian Aichern – Bischof mit den Menschen“ oder „Vielleicht bin ich ja ein Wunder. Gespräche mit Hundertjährigen“). Sie ist Mitbegründerin des Frauennetzwerkes im OÖ. Presseclub und seit 2007 Präsidentin des OÖ. Presseclubs. Seit Herbst 2008 außerdem Kolumnistin der OÖNachrichten „Haiden am Donnerstag“.

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