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Damenwahl #13

Anmerkungen zur politischen Lage, 28. September 2019

Ist Ihnen auch leid, dass Sie am Sonntag nur eine Stimme zu vergeben haben? Aus unterschiedlichen Motiven sind bei dieser Wahl mehrere Parteien für mich in der engeren Wahl. Das ist gut so. Am Ende reden Bauch, Herz und Verstand am Wahltag nochmals ein ernstes Wörtchen miteinander und dann wird das Kreuz bei einem gemacht.

Ich mag die Atmosphäre von Wahlsonntagen. Es ist wie eine moderne Liturgie, wenn schon von der Früh weg Menschen unterwegs sind, sich dem Ritual des Anstellens, Anmeldens, Aufgerufenwerdens fügen, allein in der Wahlkabine entscheiden und dann mit geschlossenem Kuvert Richtung Wahlurne marschieren. Wenn der Stimmzettel durch den Schlitz fällt, empfinde ich das jedes Mal als feierlich: Auf mich kommt es an. Und jeder ist in dieser Phase gleich, egal, was ihn sonst auszeichnet, hervorhebt oder an den Rand drängt. Klingt banal, aber ein kleiner Blick zurück in die Geschichte zeigt, dass diese Gleichheit ein fragiles Gut ist.

Danach heißt es warten. Es ist für mich fast undenkbar an einem Wahlsonntag nicht ab 17 Uhr in der Nähe eines Mediums zu sein, das mir die erste Prognose liefert. Wir freuen uns oder trauern, und wissen doch nicht, was wir da genau in welcher Mischung als nächste Regierung bekommen werden.

Demokratie ist eine „durchwachsene“ Organisationsform, aber immer noch unübertroffen. Sie baut auf Konkurrenz und Kooperation gleichermaßen auf, sie regelt die Befugnisse derer, die uns vertreten, und stellt bei funktionierender Gewaltenteilung sicher, dass auch Mächtige sich dem Recht beugen müssen. Demokratie ist nicht perfekt, aber sie ist beständig verbesserbar. Solange es möglich ist, sich einzumischen, mitzureden, seine Interessen zu vertreten, auf die Straße zu gehen oder eine neue Partei zu gründen, ist der Horizont offen. Bei jeder Wahl stimmen wir auch darüber ab, ob wir bei aller Ungewissheit dabei bleiben, selbst und in offenen Verfahren über das, was uns angeht, mitzuentscheiden. Nichts ist perfekt, weder die zur Wahl stehen, noch die eine Wahl treffen. Demokratie ist die Organisation des Vorläufigen mit möglichst fairen Spielregeln. Gehen Sie also wählen, entscheiden Sie selbst mit, bevor es andere für Sie tun.

Christine Haiden

Dr.in Christine Haiden wurde am 2. März 1962 in Euratsfeld, Niederösterreich, geboren, maturierte 1980 in Amstetten. Ihr Jusstudium in Linz schloss sie 1984 ab, danach absolvierte sie ihr Gerichtsjahr. 1986 begann Christine Haiden als Redakteurin und Verlagsassistentin im Verlag Welt der Frau. Von 1992 bis 1993 war sie Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Caritas Oberösterreich, ehe sie 1993 Chefredakteurin der Welt der Frau wurde. Zusätzliche Aufgaben übernahm sie als Moderatorin und Autorin mehrerer Bücher („Gartenmenschen“, „Maximilian Aichern – Bischof mit den Menschen“ oder „Vielleicht bin ich ja ein Wunder. Gespräche mit Hundertjährigen“). Sie ist Mitbegründerin des Frauennetzwerkes im OÖ. Presseclub und seit 2007 Präsidentin des OÖ. Presseclubs. Seit Herbst 2008 außerdem Kolumnistin der OÖNachrichten „Haiden am Donnerstag“.

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