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Damenwahl #1

Anmerkungen zur politischen Lage, 5. Juli 2019

Hoch zu Pferd, gut zu Fuß und Französisch kann sie auch noch – die Kandidatin der europäischen Staats- und Regierungschefs für das Amt der Kommissionspräsidentin der Europäischen Union erhitzt die Gemüter. Fast höhnisch monieren manche, in Brüssel aufgewachsen zu sein, heiße noch nicht, etwas von der Logik in den Wandelgängen der EU-Zentrale zu verstehen. Die einen opponieren, sie sei schon in Deutschland eine schwache Ministerin gewesen, die anderen sehen zumindest ihre Fraktionsinteressen gewahrt.

Und dann gibt es noch ein Argument, das fast jeder Kritik vorgelagert wird: Endlich eine Frau, das sei doch schon einmal gut. Oh weh, denkt man sich da. Nichts verstanden. Als Frau wird man nicht geboren, zur Frau wird man gemacht, memorierte die Ikone der Frauenbewegung Simone de Beauvoir. Sie sprach ebenfalls fließend Französisch, da heißt es dann: „On ne nait pas femme, on le devient.“ Weiter gedacht heißt das, man wird immer wieder aufs Neue zur Frau gemacht, das heißt mit verschiedenen Rollenbildern geprägt und mit Erwartungen konfrontiert. Ursula von der Leyen passt nicht besonders gut in gängige Frauenklischees. Einerseits eine Christdemokratin, verheiratet und mit sieben Kindern als Liebkind des Vatikans prädestiniert, andererseits stets Working Mum und am bisherigen Höhepunkt ihrer politischen Karriere sogar in der Männerdomäne Landesverteidigung aktiv. Von welcher Frau reden wir also, wenn wir beklatschen, endlich eine an der EU-Spitze zu haben? Jedenfalls von einer, die als Kompromiss präsentiert wurde, als die Kandidaten der großen Fraktionen, Weber und Timmermans, keine Chancen mehr hatten. Zur Not darf es dann auch eine Frau sein? So schnell werden wir die alten Muster nicht los. Man kann sie nur durch eine andere Realität verändern. Insofern kann man von der Leyen nur viel Erfolg wünschen.

In einem Interview hat sie erzählt, dass sie vor Jahren mit ihrem Mann und damals noch vier Kindern für einige Zeit in Amerika gelebt hat. Ihr Mann wollte sich dort an einer Universität habilitieren. Ein Schlüsselerlebnis für sie sei gewesen, wie offen man der jungen Familie dort begegnet sei. „Sie haben vier Kinder? Großartig! Wie können wir Sie unterstützen?“ Zurück in Deutschland habe sie dann wieder gehört: „Sie haben vier Kinder? Und wollen arbeiten? Wie stellen Sie sich das vor?“ Eine EU-Kommissionspräsidentin, die den Menschen Freiraum lässt, ihr Leben selbst zu gestalten und fragt, was man dazu beitragen könnte, das wäre dann doch eine tolle Damenwahl. Da darf es gerne eine Frau sein.

Foto: Alexandros Michailidis / Shutterstock.com

Christine Haiden

Dr.in Christine Haiden wurde am 2. März 1962 in Euratsfeld, Niederösterreich, geboren, maturierte 1980 in Amstetten. Ihr Jusstudium in Linz schloss sie 1984 ab, danach absolvierte sie ihr Gerichtsjahr. 1986 begann Christine Haiden als Redakteurin und Verlagsassistentin im Verlag Welt der Frau. Von 1992 bis 1993 war sie Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Caritas Oberösterreich, ehe sie 1993 Chefredakteurin der Welt der Frau wurde. Zusätzliche Aufgaben übernahm sie als Moderatorin und Autorin mehrerer Bücher („Gartenmenschen“, „Maximilian Aichern – Bischof mit den Menschen“ oder „Vielleicht bin ich ja ein Wunder. Gespräche mit Hundertjährigen“). Sie ist Mitbegründerin des Frauennetzwerkes im OÖ. Presseclub und seit 2007 Präsidentin des OÖ. Presseclubs. Seit Herbst 2008 außerdem Kolumnistin der OÖNachrichten „Haiden am Donnerstag“.

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