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Vom Christentum zum Islam: „Kein Bruch in der Biografie“

Vom Christentum zum Islam: „Kein Bruch in der Biografie“
Foto: Tyrolia Verlag
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  • Veröffentlicht: 23.02.2026
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Carla Amina Baghajati konvertierte als Erwachsene zum Islam. Im Interview verrät sie, wie es dazu kam, was sie mit ihrer Arbeit in der Jugendbildung bewegen möchte und was Glaube für sie bedeutet.

Sie stammen aus einer christlichen Familie und konvertierten als Erwachsene zum Islam. Wie kam es dazu?
Fasziniert hat mich der Islam schon immer. Nachdem im Religionsunterricht davon die Rede war, dass Muslime alle Propheten verehren und Muhammad als letzten Gesandten sehen, fragte ich mich, ob es nicht sein könnte, dass dieser ein wirklicher Prophet ist? Jahre später, während meines Studiums, regte die Affäre rund um Salman Rushdies Buch „Satanische Verse“ auf. Freiheit von Kunst und Meinung sind mir sehr wichtig, also wollte ich das Buch kaufen. Doch stattdessen entschied ich mich spontan für eine Ausgabe des Korans auf Deutsch. Es schien mir noch spannender, den Islam besser zu verstehen und so las ich ihn in wenigen Tagen aus. Trotz der schlechten Übersetzung spürte ich, dass dies kein gewöhnlicher Text ist und konnte nachvollziehen, warum dieser für Muslime tatsächlich göttlichen Ursprungs ist. Danach fastete ich als Selbsttest im Monat Ramadan mit und erkannte, dass es mehr als nur eine momentane Zuneigung. war. Für mich ist es bis heute ein Weg, bei dem mir die gemeinsamen Wurzeln der abrahamitischen Religionen sehr bewusst und wichtig sind. Daher ist das Konvertieren für mich auch kein Bruch meiner Biografie. Die moralisch-ethischen Werte, die mir meine christlichen Eltern mitgegeben haben, zählen auch heute.

Mit welchen Herausforderungen und Vorurteile sehen Sie den Islam heute konfrontiert?
In Österreich steigt die Sichtbarkeit von Muslim:innen, was auch mit demographischen Veränderungen zu tun hat. Das löst teilweise Ängste aus. Es geht um Identitätsfragen. Diese wiederum werden populistisch aufgeladen. Es ist verführerisch, sich über Abgrenzung vor dem scheinbar „Fremden, Anderen“ zu definieren und ein „Wir“-Gefühl durch Ausschluss auszulösen. Österreich hat seit den Osmanischen Belagerungen ein ambivalentes Verhältnis zum Islam. Einerseits grub sich diese kriegerische Geschichte ins Gedächtnis als kollektiver Sieg über die „Ungläubigen“, andererseits gibt es auch einen fruchtbaren kulturellen Austausch, den bewusst zu machen sich lohnt. Momentan scheinen manche Politiker aber eher auf alte Muster von Feindbilddenken zurückzugreifen.

„Der Instrumentalisierung von Religion lässt sich nur dann wirksam begegnen, wenn es religiöse Bildung gibt, die solche Manipulation durchschauen kann.“
Carla Amina Baghajati

Welche Vorurteile gibt es besonders in punkto Frauen im Islam?
Das Bild des Islams wird stark mitbestimmt von dem, wie man die Rolle der Frau darin wahrnimmt. Und da sind Negativmeldungen leider bestimmend. Die Frau erscheint als „Opfer“. Das ist auch darum problematisch, weil es aus einer solchen Zuschreibung schwer wird, sich als selbstbestimmt, aktiv und kompetent zu positionieren. Es wird erst recht absurd, wenn man Mädchen und Frauen dann am liebsten von außen etwas verordnen will, was angeblich zu ihrem eigenen Besten sei, letztlich aber wieder paternalistische Fremdbestimmung bedeutet – Stichwort „Kopftuchverbot“. Dabei gibt es so viele Erfolgsgeschichten von Musliminnen, die in der Mitte der Gesellschaft Anteil haben am Gemeinwohl in Österreich!

Eine weitere Herausforderung ist das Thema Extremismus.
Dieses Phänomen, das besonders bedrohlich angesichts des möglichen Abgleitens in terroristische Gewalt erscheint, macht gleichfalls Sorge. Aktuelle kriegerische Konflikte werden teilweise religiös aufgeladen, obwohl es eigentlich nicht um Religion, sondern Machtfragen geht. Der Instrumentalisierung von Religion lässt sich nur dann wirksam begegnen, wenn es religiöse Bildung gibt, die solche Manipulation durchschauen kann. Das ist wohl eine allgemeine Herausforderung: In Zeiten von Fake News und gar nicht sozialen Medien gegen Desinformation anzugehen. Religiöse Alphabetisierung wäre da wichtig. Zu wissen, was Worte wie „Dschihad“ oder „Scharia“ wirklich bedeuten. Oder sich auch bei christlichen grundlegenden theologischen Fragen auszukennen – ohne das ein Verständnis europäischer Kultur schwer wird. Dann öffnet sich der Blick endlich wieder fürs Gemeinsame und sozialer Zusammenhalt wird gestärkt. In Österreich haben wir dafür wunderbare Grundlagen – gerade durch funktionierenden interreligiösen Dialog und Zusammenarbeit. Das soll bitte nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.

„Glaube hilft mir, innere Ruhe und Gelassenheit zu finden.“
Carla Amina Baghajati

Was möchten Sie mit Ihrer Aufklärungsarbeit erreichen?
Eingefahrene Rollenbilder kritisch hinterfragen, um Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit zu fördern. Das lässt sich in der Bildungsarbeit wirksam verfolgen mit Mädchen und Buben gemeinsam. Interreligiöse Zusammenarbeit – speziell im Religionsunterricht mit kooperativen Projekten – kann da gut ansetzen. Der Austausch hier tut gut. Und da abrahamitische Religionen mit dem Thema „patriarchale Muster“ einiges zu bearbeiten haben, ist dies für die Gesellschaft insgesamt positiv. Es könnte auch dabei helfen, Religionsskepsis zu begegnen, wo doch gleichzeitig spirituelle Sinnangebote gefragt sind.

Was bedeutet der Glaube für Sie?
Glaube hilft mir, innere Ruhe und Gelassenheit zu finden, mit der ich umso mehr Kraft habe, mit Freude an Aufgaben heranzugehen und hoffentlich Frieden und Gutes zu fördern. Darauf zu vertrauen, dass mit dem Schweren auch Erleichterung kommt und offen zu sein, diese zu erkennen. Gott als barmherzigen Gott zu erfahren. Dann kann ich auch in herausfordernden Situationen Sinn entdecken. Bewusste Entscheidungen treffen und mich gleichzeitig geborgen von einer göttlichen Fügung wissen.

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