Die Literaturvermittlerin und Bibliothekarin Christina Repolust empfiehlt einen Roman über Tradwives, der analysiert, aber nicht verurteilt und ein Bilderbuch über die allertollsten Verwandten.
„Heimat“: Ein Buch, das Tradwives bis auf den letzten Kuchenkrümel analysiert, nicht verurteilt, beobachtet und damit seine Leser:innen auf deren Ideologie hinweist.
Sanftes Einlullen und brutale Lügengeschichten
Jana hat Karriere gemacht, fühlt sich gut in der Agentur, jetzt ist sie mit dem dritten Kind schwanger. Das findet Renate, ihre ehemalige Chefin, nicht mehr so reizend und toll. Die Kinder seien ja nun aus dem Gröbsten raus, meint sie in der angesagten japanischen Weinbar. Blöd gelaufen, jetzt ist Jana wieder schwanger. Bisher hatte sie ihre Chefin wie versprochen unterstützt, auch wenn diese mit jeder Schwangerschaft ihrer Mitarbeiterin ein wenig weniger herzlich wurde.
„Renate war erst kaum merklich zurückgewichen, dann aber hatte sich ihr Körper in die elegante Angriffshaltung begeben, die Jana an ihr beobachten konnte, wenn sie in ihrem großen, gläsernen Büro mit den Reportings ihrer Teams nicht zufrieden war.“ (Seite 21)
Jana kündigt, ohne mit ihrem Mann Noah darüber zu reden, sie geht nicht einkaufen, backt – sie ist ja mit ihrer Familie von der Stadt aufs Land gezogen – einen Kuchen, isst ihn alleine und trifft Karolin, ihre Nachbarin. Der fällt alles leicht, sie kann ebenso Gedichte rezitieren wie Apfelkuchen backen und liebt ihre große Kinderschar: Ja, Karolin geht als Tradwife voll auf und vertritt die Meinung, dass Kinder lieber im Wald spielen sollten, als fremdbetreut zu werden. Auch die anderen Frauen um diese Powerfrau beginnen, ihre Gewohnheiten zu hinterfragen: Ist der Kindergarten wirklich schlecht? Werden die Kinder durch Fernsehsendungen in die falsche Richtung manipuliert? Gefährdet die Emanzipation nicht die Liebe, das Miteinander von Mann und Frau? Ja, so Karolin, Frauen sollten ihren Männern gehorchen, gesundes Essen auf den Tisch bringen und auf die Gesundheit der Lieben achten.
Man riecht den Zimt, der über dieser Idylle schwebt, man sieht die schöne Karolin, wie sie die Äpfel aus ihrem Garten schält – sind die aus, muss ihr Mann dann doch heimlich Nachschub im Supermarkt besorgen. Doch gibt es nicht Gewaltmomente in Karolins Beziehung? Wie lebte sie früher und ist sie wirklich so glücklich, wie sie sagt? Das Asylheim darf nicht die Idylle trüben und wird mit Unterschriftenaktionen bekämpft. Die AfD habe, so Karolin, gute Werte, man solle da nicht so den Medien folgen, die würden doch alle links sein, alte Werte verurteilen, dem Kapitalismus huldigen.
„Dann fragte Karolin, ob Jana bei einer Mahnwache helfen könne, nur eine Schicht am Nachmittag, für die getöteten Kinder. Jana verstand, dass die bei der Terrorattacke gestorbenen Kinder gemeint waren, sie sagte zu.“ (Seite 136)
Jana rutscht immer tiefer in diese Idylle, sieht aber auch die Lügengespinste in ihrem Umfeld. Sie kapselt sich gegenüber Noah, einem engagierten Lehrer, ab, konzentriert sich auf ihre Schwangerschaft und hat ein neues Idol: Karolin. Auch Becci, eine junge Nachbarin, setzt auf alte Rollenmuster, sie verkauft ihre selbst designten Handtaschen und hat plötzlich Erfolg. Komisch, sie hat doch ein Au-pair, lässt ihr Kind zu viel fernsehen und „steckt“ es nach wie vor in den Kindergarten: Ist sie eine Abtrünnige? Und da ist ja auch noch das geheimnisvolle Päckchen, das Karolins Mann Clemens ihr überreicht hatte.
Ein geheimnisvolles Ende nach einer qualvollen Veränderung der Hauptperson, die sich verliert und findet und erneut verliert. Ein Buch, das Tradwives bis auf den letzten Kuchenkrümel analysiert, nicht verurteilt, beobachtet und damit seine Leser:innen auf deren Ideologie hinweist: Knusper, knusper, Knäuschen.
Was Sie versäumen, wenn Sie diesen Roman nicht lesen: die Schnelligkeit, mit der Frauen in Richtung Tradwives rutschen, sich plötzlich ausgeglichener fühlen, weil die Berufstätigkeit verschwindet, Apfelkuchen, Lügen, Verharmlosung von rechtem Gedankengut, Verführung bei dampfendem Tee, ein Roman, der in seinen Charakteren zeigt, wie schnell der Paradigmenwechsel geht. Wohlig riecht das tägliche Backwerk nach Zimt und die rotzigen Kinder toben im Wald – wer braucht da einen Kindergarten? Ohne Ironie, packend in zarten Verführungen.
Hannah Lühmann: Heimat. hanserblau 2025. 23,50 Euro.
„Die Allertollsten“: Genial mit Sprechblasen illustriert liefert dieses Bilderbuch Steilvorlagen für Schulhofgespräche: Nein, bescheiden war gestern. Man zeigt mal in Wort und Bild, wie toll die Verwandten sind.
Zauberhafte Verwandte! Einer ist verliebt!
Es ist wundervoll, wenn sich vier kleine Typen zu übertrumpfen versuchen. Was Mama, Papa und die Omas, die Schwestern und die Brüder nicht alles tun beziehungsweise können. Da verwandelt die eine Oma die Schwester in eine Kröte, der Papa des anderen kann fünf Bountys auf einmal in den Mund stecken und die zweijährige Schwester des dritten im Bunde spricht bereits Chinesisch.
Genial mit Sprechblasen illustriert liefert dieses Bilderbuch Steilvorlagen für Schulhofgespräche: Nein, bescheiden war gestern. Man zeigt mal in Wort und Bild, wie toll die Verwandten sind. Für alle, die nicht gut angeben können, der Tipp: Du musst immer „dafür“ sagen und schon legst du los. Der fünfte im Bunde ist der, der meistens schweigt, spricht er aber einmal, folgt ihm der Rest der Bande:
„Dafür kann mein Bruder mit den Fingern schnippen.“
Weiter geht dieses Wettreden der kleinen Buben, und dann zieht der Fünfte sein Ass.
„Dafür ist mein Bruder verliebt. Er ist in eine Geliebte verliebt.“
Und wie das so ist im Leben, müssen die anderen vier jetzt viel über die Liebe und die Geliebte und so nachdenken.
Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Bilderbuch nicht ansehen/vorlesen: Witz, Charme, Sprache, Gestik, Mimik, Spaß, Ideen für Vorleseprojekte und Gespräche, Anregungen für das kommende Mitarbeiter:innengespräch und überhaupt fürs Leben. Denn: Wer wäre nicht gern in eine Geliebte verliebt?
Olivier Douzou/Lynda Corazza: Die Allertollsten. Wien: Picus Verlag 2025. 16 Euro.