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Buchtipps: Von Müttern, die gehen und anderen Abgründen

Buchtipps: Von Müttern, die gehen und anderen Abgründen
Foto: shutterstock
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  • Veröffentlicht: 26.12.2025
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Die Literaturvermittlerin und Bibliothekarin Christina Repolust empfiehlt einen Kriminalroman, der unter die Haut geht und ein Buch, das sich kritisch mit dem Thema Mutterschaft auseinandersetzt.

„Unter der Erde“: Ein Erdrutsch bringt in diesem Krimi im wahrsten Sinne viel Verschüttetes ins Rollen. Vera Bergström, Ich-Erzählerin, Lokaljournalistin und Ermittlerin wider Willen, ist stets als Erste am Tatort.

Gentrifizierung, Erdrutsche und ein verschwundener Schafzüchter

Vera Bergström ist knurrig, isst und schläft schlecht, heißer Kaffee ist ihr Lebenselixier, und mit der Liebe hat sie so ihre Schwierigkeiten. Nicht, dass sie nicht wüsste, wen sie eventuell nach ihrer missglückten Ehe noch einmal zu lieben bereit wäre – allein, der Kerl scheint ähnliche Kommunikationsschwierigkeiten wie sie zu haben, wenn’s um Liebe, Vertrauen und Nähe geht. Schnell einen Kaffee! Vera, Ich-Erzählerin und Ermittlerin wider Willen in heiklen Familiendramen, gibt auch in diesem Krimi einiges aus ihrer Familie preis: Die Schwester, die sich in den Tod hungerte, die Eltern, die daran beinahe zugrunde gegangen wären, die Mitschüler:innen, die Vera eher immer das Gefühl gaben, nicht richtig dazuzugehören. Doch dann bringt ein Erdrutsch im wahrsten Sinne viel Verschüttetes ins Rollen.

Die Polizei, ermittlungstechnisch stets mehrere Schritte hinter Vera, spielt hier keine wesentliche Rolle. Es ist Vera, die stets als Erste am Tatort ist und es auch versteht, mit den Menschen zu reden. Da ist Jonte Andersson, ein junger Schafzüchter und DJ, der vor Jahren verschwunden ist – nur seine Schwester glaubt daran, dass er noch lebt. Da sind die „feinen“ Leute, die sich rund um Åre ansiedeln und die dortige Gemeinschaft spalten. Waren die feinen af Sandelbergs am Verschwinden des hitzigen Jonte beteiligt? Wer konnte Interesse daran haben, den Jungen zu beseitigen? Ging es um Liebe oder doch um Geld? Und wenn ja, in welchem Zusammenhang? Vera weiß, wie Jontes Familie als Schafzüchter ums Überleben kämpft. Dazu kommt auch noch Jontes Onkel, der die Familie früh verlassen hat und jetzt zurückgekehrt ist, da ihm das Leben in der Stadt zu oberflächlich war. Jeder arbeitet hier seine Familiengeschichte auf, die einen erfolgreicher als die anderen, Kaffee wird besser als schlechter konsumiert und die „Guten“ halten zusammen. Und ja, Veras Liebesglück dürfte sich trotz heftiger Mordermittlungen doch auch noch ausgehen.

„Was taten Polizei und Staatsanwaltschaft eigentlich? Es war darüber hinaus auch nichts nach draußen gedrungen, was den Verdacht gegen die Eheleute af Sandebergs verstärkt hätte.“ (Seite 389)

Über die Autorin:

Sara Strömberg: Ihr erster Roman „Unterholz“ (2021) wurde von der Schwedischen Krimiakademie zum Krimi des Jahres gekürt. Seither erklimmt die Serie rund um die Lokaljournalistin Vera Bergström und die sie umgebenden knorrigen wie knurrigen Mitmenschen die Bestsellerlisten.

Cover: blanvalet

Sara Strömberg: Unter der Erde. Deutsch von Leena Flegler. München: blanvalet 2025. 17,50 Euro.

„Mütter, die gehen“: Von Ingrid Bergmann über Doris Lessing bis zu Joni Mitchell: Dieses Buch beschäftigt sich mit Frauen, die ihre Kinder in der Obhut anderer ließen. Dabei arbeitet die Autorin nicht nur biografisch, sondern stellt auch gesellschaftspolitisch wichtige Fragen.

Ehrliche Auseinandersetzung mit dem Narrativ der „guten Mutter“

Die Autorin begann früh mit ihrer Detektion: der Erforschung „nachlässiger Mütter“ im Leben und in der Literatur. Als 16-Jährige kreidete sie es Tolstoi an, dass dessen Titelheldin Anna ihren kleinen Jungen Serjoscha verlässt, um mit Wronski abzuhauen, durchzubrennen.

„Dabei trenne ich nicht zwischen Autorin und Werk. Mich interessiert generell das Leben der Menschen, die ich lese und verfolge, sehr. Dennoch ging mein Forscherdrang über eine normale Neugier hinaus. Es war, als würde ich ein inquisitorisches Archiv derjenigen Mütter zusammenstellen, die ihre Funktion nicht erfüllten, eine mentale Akte mit dem Titel: Mütter, die gehen.“ (Seite 16)

Wer Kinder- beziehungsweise Heldengeschichten liest, weiß: Die wahren Abenteuer erleben Kinder ohne Mama. Man lese nach, von Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ über Mark Twains „Tom Sawyer“ bis hin zu „Harry Potter“. Kluger Satz aus dem Buch dazu:

„Aufgabe einer Mutter ist es schließlich, zu verhindern, dass ihrem Nachwuchs schlimme Dinge zustoßen, und im Zuge dessen kann es passieren, dass sie auch die guten verhindert.“ (Seite 18)

Auf geht es mitten hinein in die Biografien von Gala Dalí, Ingrid Bergmann, Doris Lessing und Joni Mitchell, um nur einige der Frauen zu nennen, die ihre Kinder kürzer oder länger in der Obhut anderer ließen. Die Autorin arbeitet hier nicht nur biografisch, sondern stellt auch immer wieder gesellschaftspolitisch wichtige Fragen: Warum ist es ein Tabu, als Mutter zu gehen? Warum existiert keine explizite Publikation zu dem Thema, in der ein „Ich“, also eine Frau, die geht, ihre Beweggründe schildert? Wie müde und erschöpft ist eine Frau nach der Geburtstagsfeier ihres 2-jährigen Kindes, wer darf ihr diese Erschöpfung ansehen, wer ist sogar bereit, sie zu verstehen? Diese Selbstbefragungen ergänzen die Analysen, vernetzen sie mit der Gegenwart einer hoch gebildeten, erfolgreichen Journalistin, die AUCH Mutter ist.

Die Analysen sind auf gut gebildete Frauen, erfolgreiche Frauen fokussiert, beschäftigen sich also mit den zwei Prozent der Frauen, die nicht aus finanziellen Nöten gehen. Ab Seite 275 ändert sich dieser Fokus auf Frauen, die ihre Kinder bei ihren eigenen Müttern lassen, um als Nannys fremde Kinder zu hüten. Der Bogen dieses Buches ist weit gespannt:

„Das vorliegende Buch hat sich angefüllt mit Geschichten von realen und erfundenen Frauen, die zu irgendeiner Zeit dachten: vielleicht nicht immer und nicht alles für die Kinder.“ (Seite 306)

Was Sie versäumen, wenn Sie diese Bestandsaufnahme der Gefühle nicht lesen: Lebensgeschichten von Joni Mitchell über Doris Lessing bis hin zu Ingrid Bergmann im Fokus ihres Weggehens von ihren Kindern/ihrem Kind, überhöhte beziehungsweise überzogene Erwartungen an Mütter, gesellschaftliche Schnellrichter, die Frauen so gern verurteilen und als „schlechte Mütter“ anklagen, kluge Analysen, empathische Beschreibungen und ausgewogenes Hinterfragen der Entscheidungsgründe, nicht um zu urteilen, sondern um zu verstehen und davon/daraus zu lernen.

Über die Autorinnen:

Begona Gómez Urzaiz: 1980 geboren, arbeitet als Journalistin und Autorin, schreibt unter anderem für Vogue und Vanity Fair, unterrichtet an der Universität von Barcelona journalistisches Schreiben und lebt dort auch mit ihrer Familie.

Christiane Quandt: übersetzt aus dem Spanischen und Portugiesischen und ist auch Autorin. Mit ihrem Lyrikband „auf dem zauberberg ist kein platz mehr für alle“ zeigte sie ihr literarisches Können. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Cover: Aufbauverlag

Begona Gómez Urzaiz: Mütter, die gehen. Aus dem Spanischen von Christiane Quandt. Berlin: Aufbauverlag 2024. 25 Euro.

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