Lesestoff zum Staunen und Genießen. Christina Repolust empfiehlt zwei Romane, die von Sehnsucht, Selbstbestimmung von Frauen in patriarchalen Strukturen und von Einsamkeit erzählen.
Lore beobachtet ihre Umwelt genau und weiß, wie viel sie sich bei den Großeltern, besonders beim Großvater, erlauben darf. Mit ihren zehn Jahren hat sie bereits verstanden, dass das Christkind und der Osterhase wie auch die glückliche Großfamilie Erfindungen sind. Lore, ihre Mutter, Tante und Großmutter widersetzen sich dem Großvater, dem vieles – Fröhlichkeit, Urlaube, uneheliche Kinder – nicht recht ist. Tante Ursula ist die Rebellin der Familie, die die 1985 geborene Autorin Eva Lugbauer in ihrem Roman „Schwimmen im Glas“ immer wieder um den Esstisch gruppiert: Bei dampfenden Knödeln werden Hierarchien verhandelt und Rollenbilder infrage gestellt beziehungsweise verteidigt, während das Ungesagte mit gehaltvoller Sauce zugedeckt wird. Lore, das Mädchen, das noch gerne an die Existenz von Meerjungfrauen glauben würde, und Lore, die erwachsene Frau, wechseln sich als Erzählerinnen ab, der Erzählton reicht dadurch von neugierig-fragend bis rebellisch-verstehend. Sehnsucht nach Weite, Freiheit und dem Meer wohnt beiden Figuren inne.
Eva Lugbauer: Schwimmen im Glas. Picus Verlag, 24,95 Euro
Drei Paare, ein rebellischer Sohn und unzählige Bedienstete tummeln sich in Anne Freytags „Blaues Wunder“ auf einer Luxusyacht. Die Idylle ist bröckelig, die drei Ehefrauen inszenieren sich und ihre Beziehungen an Deck nahezu perfekt und brechen zusammen, sobald sich die Kabinentür schließt. Reich, unglücklich und seit Jahren in ihren Rollen gefangen sind sie alle, während sich die Tische auf der Luxusyacht der Bankiersfamilie Bronstein ab dem Frühstück biegen. Nora und Franziska buhlen um die Rolle „beste Ehefrau des zukünftigen Nachfolgers“, während Rachel, die Ehefrau des sadistischen wie gewalttätigen Chefs, die Fäden zieht. Hier wird betrogen und gelogen, gegessen und gefeiert, geliebt und gelitten. Die Inszenierungen der drei Paare werden durch die Monologe der drei Ehefrauen enttarnt, der Luxus kann deren verlorene Identitäten nicht überdecken: Hausfrau und Mutter, das sind die Rollen, die sie spielen, aber schon längst satthaben. Rachel setzt den radikalsten Befreiungsschlag von allen und zeigt: Für Würde und Freiheit gibt es keine Altersgrenze.
Anne Freytag: Blaues Wunder. Kampa Verlag, 25,95 Euro
Zur Person
Die Germanistin, Literaturvermittlerin und Bibliothekarin Christina Repolust macht Lesestoffe zu Gesprächsstoffen.
