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Buchtipps des Monats: Vom Ende des Gehorsams

Buchtipps des Monats: Vom Ende des Gehorsams
Foto: shutterstock
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  • Veröffentlicht: 30.11.2025
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Die Literaturvermittlerin und Bibliothekarin Christina Repolust empfiehlt zwei Romane, die davon erzählen, wie Menschen gegen Regimes kämpfen und dabei über sich hinauswachsen.

Gerda ist ein braves Mädchen, das keine Widerworte gibt und es allen, vor allem ihrem Lehrherrn Theo, recht machen will. Theo gefällt dieser Gehorsam, die beiden heiraten, die Hierarchie scheint klar zu sein: Theo bestimmt und Gerda gehorcht. Er ist ein überzeugter Nationalsozialist, kämpft in der Armee und denkt dabei auch an die Geschäfte seiner Buchhandlung.

Luzie, die gemeinsame Tochter, begehrt auf: Sie liest mit Begeisterung verbotene Literatur, hört „Feindsender“ und überzeugt ihre Mutter zunehmend von der Richtigkeit dieses Tuns. Gemeinsam verstecken die beiden mithilfe von Kurt, einem befreundeten Arzt, zwei Menschen in einem Hinterzimmer der Buchhandlung, in dem Gerda bereits Bücher vor der Verbrennung rettete. Gerda wächst über sich hinaus, wird autonom und lässt sich von niemandem mehr vereinnahmen.

Doris Brehm, Bibliothekarin, Autorin und Widerstandskämpferin, erfährt mit dieser Ausgabe ihres 1955 erschienenen Romans in der Reihe „Haymon Her Story: Wiederentdeckte Literatur von Frauen“ jene Würdigung, die man sich bei der Lektüre für sie, ihr Leben und Werk wünscht.

Cover: Haymon

Doris Brehm: Eine Frau zwischen gestern und morgen. Hrsg. von Bettina Balàka, Haymon Verlag, 25,95 Euro.

Die 1989 geborene Autorin Sarah Kuratle erzählt in ihrem dystopischen Roman aus wechselnden Perspektiven von Erkenntnis- wie Befreiungsprozessen. Weder die Insel noch das Kolleg, in dem die Handlung spielt, werden verortet. Man weiß lediglich, dass es hier um hängende Gärten und eine heterogene Gemeinschaft geht, die das Ziel eint, die Artenvielfalt zu schützen – wenn es sein muss, mit drastischen Mitteln.

Im Gegensatz zu dieser Leerstelle sind Gregors und Alices, die manchmal auch Alois ist, Aussagen über Flora und Fauna sehr konkret und realistisch. Gregor, der Gärtner mit den roten Haaren, macht dazwischen Bemerkungen über seine Mutter, die ihn stets warten ließ und zu oft zu viel trank. Gregors Waschzwang spiegelt seinen Wunsch, Erinnerungen abzuwaschen und Schmerzliches im Wasser aufzulösen.

Alice, die die Insel verlässt und sich der Einsamkeit des Festlandes stellt, empfindet einerseits große Freiheit, andererseits die Herausforderung, sich sich selbst zu stellen. Kuratle überlässt ihren Charakteren die Bühne, lässt sie agieren und reflektieren. Man versteht, dass Weltrettung auch ein Weg ist, sich selbst zu retten.

Cover: Otto Müller Verlag

Sarah Kuratle: Chimäre. Otto Müller Verlag, 23,95 Euro.

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