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„Bist du vorbereitet?“

Ein Blackout oder eine Naturkatastrophe wie ein Hochwasser sind seltene, aber durchaus mögliche Katastrophen. Hilft es, sich einen Notvorrat im Keller anzulegen? Wie kann man sich überhaupt für Krisen wappnen?

Bist du eigentlich auf eine Kata­strophe vorbereitet?“, fragte mich mein Vater vor einigen Wochen. Zuerst verstand ich nicht, was er mit der Frage überhaupt meinte. Echte Katastrophen – Kriege, Flucht, Armut, Naturkatastrophen – kenne ich nur aus den Abendnachrichten oder der Zeitung. Wie viele Menschen lebe ich in einer „Sicherheitsblase“ und denke im Alltag wenig an die Möglichkeit, dass mir selbst eine Katastrophe widerfahren könnte.

Mein Vater denkt daran aber offenbar schon. „Bist du vorbereitet, wenn durch einen Blackout alles tagelang stillsteht oder ihr durch eine Naturkatastrophe von der Außenwelt abgeschnitten seid?“, fragte er. Selten konnte ich eine Frage so eindeutig verneinen. Mein Handy-Akku ist meistens im roten Bereich, ebenso sieht es mit dem Dieseltank meines Autos aus. Wir haben derzeit gezählte vier Batterien in Vorrat. An Bargeld sind es vielleicht 20,00 Euro. Unsere Speisekammer ist zwar ganz gut gefüllt, aber ich zweifle, ob wir uns lange sinnvoll von dem Inhalt ernähren könnten. Wir haben derzeit drei Liter Wasser im Haus. Wenn unser Wasser abgedreht würde, wären wir also relativ bald an unseren Grenzen. Wenn wir wegen Arbeiten an der örtlichen Wasserleitung für wenige Stunden kein Wasser haben, fällt mir immer wieder auf, wie oft man es braucht, ohne sich dessen bewusst zu sein. Unsere Taschenlampen sind meistens im ganzen Haus verteilt, und Feuerzeuge müssen wir schon bei Tageslicht relativ lange suchen. Im Stockdunkeln möchte ich mir das lieber nicht vorstellen. Diese recht ernüchternde Inventur finde ich zwar im Moment ganz amüsant, ob das allerdings auch noch im Notfall so ist?

DIE KISTE UNTER DER TREPPE
Meine Antwort lautete also: „Nein. Ich bin wirklich nicht gut vorbereitet.“ Mein Vater hingegen hat sich kürzlich eine Kiste mit den wichtigsten Dingen für den Notfall zusammengestellt und verwahrt sie nun im Keller. Darin befinden sich Dokumente, Bargeld, Nahrungsmittel. Das erstaunt mich einigermaßen, weil ich ihn nicht als sehr ängstlich kenne. Er scheint es wirklich ernst zu meinen mit dem Thema, denn als wir uns ein paar Tage später sehen, gibt er mir die Kopie eines Artikels aus der deutschen „Zeit“ mit. In dem Essay „Die Kiste unter meiner Treppe“ schreibt der Journalist Georg Heil über seine Notfallbox für den Katastrophenfall – mit Lebensmitteln, Notfallradio, Medikamenten, Verbandskasten und anderen ­Utensilien –, die er in einem Hohlraum unter seiner Treppe verstaut hat, und hofft nun, dass er sie niemals braucht. Viele seiner FreundInnen belächeln ihn dafür, schauen ihn an, als sei er „durchgeknallt“ und glaube an eine bevorstehende Apokalypse. Dabei orientiere er sich lediglich an den Empfehlungen des deutschen Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Kata­strophenhilfe, das empfiehlt, sich mit Essen und Getränken für 14 Tage zu bevorraten. Dass man in eine solche Lage kommen kann, sei gar nicht so unwahrscheinlich, wenn man KatastrophenschützerInnen und EnergieexpertInnen glaubt. Es sei nicht die Frage, ob uns ein Blackout trifft, sondern nur wann: Diesen Satz sagen fast alle, die sich mit dem Thema „Energiehaushalt“ auseinandersetzen. Netzüberlastung und technische Gebrechen, extreme Wettererscheinungen, terroristische Anschläge, Sabotage und Cyberkriminalität sind laut Zivilschutzverband die potenziellen Gefährdungen eines funktionierenden Energienetzes.

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So stärke ich mich für Krisensituationen

Wir alle leben in einer Sicherheitsblase – und das sei auch gut so, erklärt Psychotherapeutin Monika Czamler.

Sie unterstützen Menschen nach Krisen und Katastrophen. Kann man sich psychisch auf Kata­strophen vorbereiten?
Monika Czamler: Wenn sich Bankangestellte auf einen möglichen Banküberfall vorbereiten und alle wichtigen Schritte durchspielen, dann ist das hilfreich. Die Betroffenen bleiben in der Handlungsfähigkeit, und diese ist ein wichtiges Instrument dafür, psychische Krisen gut bewältigen zu können. Sich aber auf jede mögliche Katastrophe vorzubereiten, macht mehr Angst, als es hilft.

Ein voller Vorratskeller gibt also nicht unbedingt ein gutes Sicherheitsgefühl?
Es gibt Menschen, die es beruhigt, wenn sie sich vorbereiten. Aber es gibt auch Menschen, denen das mehr als notwendig Angst macht. Wenn der Rat über die Medien kommt, sich mit Vorräten auszustatten, dann stellen sie sich die Frage: „Was steckt da dahinter, warum gerade jetzt, wissen die mehr als ich?“

Das Thema „Katastrophe“ drängt dann in den heilen Alltag?
Ja. Wir leben ja alle in einer Sicherheitsblase. Wenn wir in den Zeitungen von schlimmen Schicksalen lesen, geht es um andere und nicht um uns. Das wahrzunehmen ist auch gut so, sonst wären wir sehr ängstlich im Alltag. Wenn Vorsorge medial zum Thema wird, wird unsere Sicherheitsblase etwas durchlässiger. Manche Menschen stecken das gut weg, anderen macht es Angst, weil die Fantasie mit ihnen durchgeht.

Welche Rolle spielt das Thema „Resilienz“? Wie stärke ich das Gefühl, dass mich so schnell nichts umhauen kann?
Die Resilienz zeigt, wie widerstandsfähig Menschen in Krisen sind. Auch dabei, wie schnell Menschen nach einer Bedrohung in ihren Alltag zurückkehren, spielt sie eine große Rolle. Resilienz bekommt man einerseits durch Kindheitserlebnisse und den Charakter mit, aber man kann sie auch aktiv stärken. Das ist das Schöne. Man kann sein Leben in die Hand nehmen und sich gegen Krisen wappnen: indem man achtsam mit sich selbst umgeht, die eigenen Ressourcen schont, mit einem positiven Blick in die Zukunft schaut. Wenn ich meinem Körper und meiner Psyche Gutes tue, stärke ich mich auch für Krisensituationen.

Was können Sie als Therapeutin für Menschen nach akuten Krisen tun?
In der Akutphase muss eine hohe Präsenz da sein. Wenn in einer Familie etwa ein Suizid passiert ist, ist die Zeit kurz danach sehr intensiv. Man muss der Familie das 
Gefühl geben, dass sie nicht alleine ist. 
Danach erfolgt die Behandlung ressourcen­­orientiert: Man versucht, die Betroffenen in den Alltag zurückführen und dann langsam die Begleitung auslaufen lassen.

Gehört es auch zur Bewältigung, die Krise oder Katastrophe ins Leben zu integrieren?
Das ist genau die Herausforderung: die Katastrophe nicht wegzuschieben, sondern sich mit dem Ereignis auseinanderzusetzen und es ins Leben zu integrieren. Zu akzeptieren, dass dieses Ereignis nun Teil meiner Lebensgeschichte ist.

Monika Czamler ist Psycho­therapeutin und Leiterin der Krisenhilfe Oberösterreich.

Checkliste für den Notfall, so wie Infostellen im Krisenfall finden Sie in der Printausgabe.

Erschienen in „Welt der Frauen“ 09/18