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Backe backe Pizza

Schuld ist immer die Mutter. So ist das. Weil ich in der ersten Schwangerschaft recht zugenommen hatte und mich nach Lehrmeinung nicht sonderlich gesund oder vollwertig ernährt habe ist unser kleiner Prinz vermutlich nun ein kleiner, renitenter Essensverweigerer. Kein Gemüse, kein Obst, kein Fleisch oder Fisch, keine Vollkornprodukte und vor allem keine nicht 100% homogenen Speisen. Angeblich schmeckt das Fruchtwasser nach der Nahrung, die die Mutter zu sich nimmt, und dadurch findet schon eine erste Prägung statt. Habe ich meinem Kind ein derartiges Ei gelegt und wäre er sonst vielleicht ein echter Gemüsetiger geworden? Ein Verdacht keimt in mir auf: klassisches Mother-Shaming gepaart mit einem funken Wahrheit würde ich sagen. Eigentlich wäre es ganz praktisch, dass Sohnemann genau vier warme Speisen isst (Pizza, Pommes, Penne mit Käsesauce, abgesiebte Buchstabensuppe), denn diese könnte man immer vorrätig haben und auch unterwegs sind Pizza und Pommes ideal – vielleicht dazu noch ein Saft und ein Eis und „der Kas is bissn“, wie man so schön in Bayern sagt. Wäre da nicht das Wissen um die Notwenigkeit von Ballaststoffen und Vitaminen wäre unsere Welt echt in Ordnung. Und so bemühen wir alle in der Familie uns ständig um unseren Prinzen auf der Erbse und versuchen ihm gepaart mit bühnenreifem Entertainment die Vorzüge der vitaminreichen Kost schmackhaft zu machen. Bis dato ohne Erfolg – sein letztes Stück Gemüse aß er als Halbjähriger im Brei, als sein Geschmack noch nicht von seinen AltersgenossInnen zu unterscheiden war.

Ich höre immer wieder Geschichten von Kindern, die auch groß geworden sind trotz Mono-Ernährung. Leider reagiert nicht jede Person so souverän, die vom Essverhalten unseres großen Pizzakäfers erfährt. Mehr oder weniger übergriffig sind die Tipps und das Staunen vor allem der anderen Mütter mit ihren allesverspeisenden Gemüsezwergen. Wie so oft in der Mama-Manege besteht das wahr Kunststück darin cool zu bleiben, das Gesamtbild im Auge zu behalten, mit einem charmanten Lächeln alles an Kritik abperlen zu lassen und das Kind einfach mal machen zu lassen, vor allem da auch unsere heißgeliebte Kinderärztin mit Augenzwinkern keinen Grund zur Sorge verlautbart hat. In der Zwischenzeit hat sich mein wunderbarer Michi auch als wahres Pizzakochtalent herausgestellt – wir lieben das Ritual des Selber-Knetens, des Auftragens der (selbstverständlich kräuterfreien, homogenen) Tomatensauce und die Wartezeit auf unsere tatsächlich herrlich schmeckende „bella pizza“ nach neapolitanischem Originalrezept. Auch eine Qualität für sich, wie ich meine und wer weiß, vielleicht verwandeln sich die bösen einfachen Kohlehydrate durch Genuss und Liebe in genau die Bausteine, die der Körper unseres Sprosses braucht um zu dem zu werden, der er werden soll.

 

 

 

Susi Nagele-Krautgartner

wurde 1982 geboren und lebt mit Mann und Sohn in München. Die promovierte Kunstpädagogin und Künstlerin realisiert Kunst- und Kunstvermittlungsprojekte verschiedener Sparten im In- und Ausland. Dafür wurde die gebürtige Innviertlerin bereits mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Themen wie Gleichstellung, Gender und deren lebenspraktische Umsetzung beschäftigen sie in all ihren Texten und Bildern. Der Blog ist die Fortsetzung von “Susis Babyzeit” (2014-2016). www.susikrautgartner.com