Aktuelle
Ausgabe
10/22

Bessarabien und weiter

Mit Karl-Markus Gauß lässt es sich generell gut reisen, seine Beobachtungen sind kompakt, in seinen Beschreibungen tobt nicht die Lust an der Abschweifung und wenn doch, dann sehr, sehr charmant: Wer sind die Menschen, die ihm in der Republik Moldau begegnen, warum wollen die Lehrerinnen soviel über sein Privatleben wissen, ob er etwa trinke, regelmäßig arbeite, wann er morgens aufstehe … Dass Gauß ausgerechnet nach dieser Veranstaltung seinem namenlosen Helden, dem im Stehen schlafenden Soldaten, begegnet, macht den Einstieg in diese Reisegeschichten so leicht. Erschöpfte junge und alte Schaffnerinnen, die seit Jahrzehnten in ihren O-Bussen durch vielsprachige Stadtbezirke fahren und ebenso erschöpfte und müde Fahrgäste bedienen – das ist ein Bild, das in Schwarz-Weiß in der eigenen Fantasie entsteht und nicht weichen will. Die vier Buchkapitel „Meine moldawische Sehnsucht“, „Die toten Mädchen von Futog“, „Die Augen von Zagreb“ und „Bulgarien, im Museum der ausrangierten Zukunft“, lassen sich gut Abend für Abend, Station für Station, Idee für Idee und Reflexion für Reflexion lesen. Gauß stellt Bezüge von Bessarabien zur Salzburger Bessarabierstraße her, von der man weiß, dass sie keine gute Wohnadresse abgibt. Er, Gauß, ist hier aufgewachsen, er weiß noch reisend zu erzählen, dass manche Eltern ihre Kinder bei Verwandten unterbrachten, nur um eben die Wohnadresse zu vermeiden, niemand will seinen Nachkommen die Zukunft vermasseln, schon gar nicht mit der Wohnadresse Bessarabierstraße. Das sind mehr als Randnotizen, das sind klare Worte und interessante Bezüge. Wer bleibt in den Ländern, wer unterrichtet hier die Kinder, wer kümmert sich um sie, die Kranken, die, die einer liebevollen Pflege bedürfen?

Die Deutschlehrer Moldawiens erwiesen sich ausnahmslos als Deutschlehrerinnen, weil der schlechtbezahlte Beruf des Lehrers auch in Moldawien Frauensache geworden war und sich die Männer, die ihn einst ergriffen hatten, längst auf nach Deutschland, Österreich oder sonst wohin gemacht hatten. (S. 12)

Seinen Zagreb-Besuch verbindet er mit seinem ersten Besuch, damals, 1986 – „Der Zerfall Jugoslawiens war noch unausdenklich fern und hatte doch längst begonnen.“ (S. 105) Hier folgt die Beschreibung eines legendären Mittagessens, bei dem die Gläser auf Jugoslawien, Kroatien, Europa und Österreich gehoben wurden: Gauß wird dann das rechte Auge eines gut durchgebratenen Lamms auf dem Porzellanteller serviert, kein Genuss, der Verzehr gelingt.

Zagreb war jetzt die Hauptstadt eines Landes in der Europäischen Union, und diese jungen Frauen hatten allesamt bereits ein Studium absolviert und doch im beruflichen Leben nicht Fuß gefasst, denn Kroatien musste sparen, damit es sich eines Tages die Kredite würde leisten können, die es benötigte, um deutsche Waren zu importieren … (S.140)

 

 

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Buch nicht lesen: Information, Sprachspiele, Erinnerungen, Einblick in die Geschichte der bereisten Länder, Verbindungen von Gestern und Heute, Lust, selbst zu reisen, über Friedhöfe zu schlendern, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, dabei an eigene Grenzen zu stoßen.

 

Der Autor ist 1954 in Salzburg geboren, gibt die Zeitschrift „Literatur und Kritik“ heraus, schreibt Reiseberichte, Essays und andere literarische Gattungen, ist gefragter Redner, weiß wie kaum jemand von der Magie des Viertelanschlusses zu schreiben und vom Leben in der Bessarabierstraße zu erzählen.

 

 

Karl-Markus Gauß:

Zwanzig Lewa oder tot.

Vier Reisen.

Wien: Zsolnay Verlag 2017.

207 Seiten.

 

 Die Welt hat eine neue Rasse erfunden

Der Roman beginnt und endet mit einem Blick in ein Flugzeug; am Beginn des Romans landet der junge Arzt Hammoudi am internationalen Flughafen in Damaskus. Er kommt heim, kurz nur: Er will mit seiner Familie und Freunden feiern, ja, er hat es geschafft, er ist jetzt Arzt. Und ja, Hammoudi ist gern in Syrien, als Gast, als Besucher, der wieder wegfahren kann und nicht bleiben muss. Hammoudi, Facharzt für plastische Chirurgie, Abschluss mit Auszeichnung – da muss er wohl doch im Nobel-Hotel Four Seasons absteigen: Der Kurzurlaub will zelebriert werden. Amal, die junge Schauspielerin, hat Angst, hat Lampenfieber, zweifelt an sich. Auch sie hat ein gutes Leben hier in Damaskus: Sie beobachtet die Menschen, studiert deren Gesten und Stimmlagen, die Übereinstimmung zwischen Körperhaltung und Emotion.

Damaskus ist eine laute, unordentliche und hektische Stadt, übervoll vom Hupen der Busse und Taxis, dem Geschrei der Straßenverkäufer, dem Summen und Tröpfeln der Klimaanlagen an den Häuserfassaden, die sich mit der lärmenden Musik, die aus Autofenstern und Bars dröhnt, vermischen. In Damaskus ertrinkt man in der Geschichte und ihren Superlativen. (S. 17)

Zwei junge Menschen, so wie sie Reportagen aus Syrien erzählen: Gebildet, hoffnungsvoll, die eine bereit, in Syrien zu bleiben, der andere glücklich, in Paris zu arbeiten, dort bald eine Familie zu gründen. Dann der Schnitt: Hammoudi erhält keine Ausreisebewilligung, obwohl seine Familie doch mit Generälen, Mitarbeitern des Geheimdienstes und Funktionären sehr sehr gut befreundet ist. Auch Amals Vater, der mehrere Restaurants führt, kennt die, die an der Macht sind. Ein Freund bietet Hammoudi seine Wohnung an, hinterlegt die Schlüssel bei Amal: So treffen sich die beiden Protagonisten, nehmen wenig Notiz voneinander und tauchen wieder in ihre eigenen Welten ein. Doch, da ist der Widerstand gegen das Regime, da sind Begegnungen, da sind Traditionen und die ersten Übergriffe des Regimes. Verhöre, Gewalt gegen Amal, die wiederum Erinnerungen an ihre Mutter heraufbeschwört: Warum ist die schöne Russin gegangen, wie hat der Vater reagiert? Und dann die Überfahrt auf dem Schlauchboot, die Menschen, die ertrinken, die Kinder, die weinen, die Schlepper, die befehlen und lügen. Amal und Hammoudi überleben die Überfahrt, Ertrunkene liegen an der Küste, so wie früher die Leichen der zu Tode Gefolterten in spärlich beleuchteten Räumen lagen. Amal und Youssef kommen mit Amina, deren Mutter bei der Überfahrt im Mittelmeer ertrank, nach Berlin, das Asylverfahren schwierig, sie bewirbt sich bei einem Casting für eine Kochshow.

Sie hat bereits gelernt, dass die Menschen im Westen nur noch Symbole konsumieren. Bei ihren dritten Casting hat sie Artischocken mit Foie Gras und Poularde in Halbtrauer, also mit Trüffeln unter der Haut serviert, um zu signalisieren, dass sie durchaus auch anspruchsvolle Wünsche befriedigen kann. (S. 292)

Ihr Essen wird als orientalisch, ihre Kleidung bzw. Aufmachung als ethnisch bezeichnet, meistens stammt es von Dolce und Gabbana und wird von der Stylistin herbeigeschafft. Klar muss sie es zurückgeben, alles Fake. Hammoudi kommt in ein Heim in der Provinz, dort wird ein Brandsatz geworfen, die Lokalzeitung wird über ihn, das einzige Opfer, knapp berichten, ein Foto, sein Alter, seine Nationalität.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie diesen Roman nicht lesen: Auffrischung der Geschichte, Interesse an Biografien, Wissen, wie es zu Fluchtbewegungen kommt, Erkennen, wie Gewalt und Spaltung der Gesellschaft entsteht, Außensicht auf die Mehrheitsgesellschaft, Außensicht auf deren Arroganz, deren Missverständnisse, deren Voreingenommenheiten, Humor in Alltagsszenen, etwa in den Kochshows mit orientalischem Touch.

Die Autorin, 1984 in Baku/Aserbaidschan geboren, hat mit ihrem Debütroman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ mehrere Preise kassiert und sich einen Namen erschrieben; sie ist lakonisch im Ton, bewusst reduziert, will nicht mit Sprachfirlefanz locken, setzt auf Fakten, einfache Sprache und Formulierungen, deren Tiefe beim zweiten Lesen zu gluckern beginnt.

 

 

Olga Grjasnowa:

Gott ist nicht schüchtern.

Roman.

Berlin: Aufbau-Verlag 2017.

309 Seiten.

In Richtung der eigenen Träume schreiten

Das Leben läuft gut, die Wohnung ist genau die richtige und alles könnte auch noch länger dermaßen gut bleiben. Dann kommt der Moment, also einer jener Momente, in denen die ganz großen Fragen auftauchen: Wo, wie und warum leben wir – in der Großstadt oder am Land, zur Miete oder im abzustotternden oder von den Eltern finanzierten Eigentum? Barbara Nothegger zeigt in ihrem Buch wunderschön, wie die großen Fragen ans Leben und dessen Gestaltung auftauchen, als sie erfährt, dass sie schwanger ist. Schauen wir doch bei ihr vorbei, damals, als alles mit den großen Fragen begann:

Unsere Altbauwohnung war beim Einzug, nach dem Studienende, nur als Übergangsbleibe gedacht. Nun leben wir schon sechs Jahre dort. Sie ist alt, aber charmant. Ich mag die knarrenden Fischgrätböden und die Holzrahmen der Fenster, die seit der Errichtung des Hauses vor hundert Jahren noch nie gewechselt wurden. Die Miete ist günstig und das ist gut so – denn für mich ist diese Altbauwohnung nicht mehr als ein Ort, an dem ich wohne. Im Alltag bedeutet das: schlafen, essen, duschen, entspannen … Darum hat meine Wohnung auch keine so große Bedeutung für mich. (S. 11)

Nach mehreren Reisen aufs Land – wollen wir hier leben, soll das Kind hier aufwachsen, zur Schule gehen? – beginnt die Wirtschafts- und Immobilienjournalistin Barbara Nothegger gründlich zu recherhieren und findet ein gemeinschaftliches Hausprojekt am Gelände eines aufgelassenen Bahnhofs, nicht am Land, sondern mitten im Wien. Die Frage bleibt: Wollen wir das. Wollen wir uns darauf einlassen? Schaffen wir das emotional und finanziell? Hoffnung und Angst sind die beiden Begleiter aller Häusl-Bauer, egal, ob kooperativ, einzeln oder mit Freunden: Es gibt Gruppen-Finanztreffen, es gibt unzählige Besprechungen, dann meldet die Alpine, ein Bauunternehmen mit über 15.000 Mitarbeitern Insolvenz an. Über 100 Menschen müssen sich also einen neuen Bauträger suchen, in aller Eile Anbote einholen: Wird das Projekt gelingen? Nun beginnen die Kaufverhandlungen mit dem Bauträger, die Gespräche mit den Banken sind konkreter geworden. Privat kehrt die Autorin aus der Karenz zurück, Kind, Haushalt – und dann noch 300.000 Privatdarlehen organisieren. Das Wohnprojekt verliert gefühlt an Leichtigkeit, man hält aber durch, spricht, diskutiert, streitet, plant, macht einfach weiter. Sieben Stock Dorf sind gelungen, Sofas und Blumentöpfe werden reingeschleppt, der Lift gibt nach sechs Fahrten der Neuankömmlinge den Geist auf. Aber: Was ist das schon im Vergleich zum gesamten Projekt, spontan meldet sich ein Einzugsmanager.

Ich hoffe, dass noch viele Menschen sich trauen und das Experiment wagen, in ein gemeinschaftliches Wohnprojekt zu ziehen …. dass sie ihren Träumen von einem besseren Zusammenleben folgen. (S.1 67)

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Spannung, Wissen über Wohnträume und -realitäten, Auseinandersetzung mit dem Immobilienmarkt, kompetent begleitete Reise zum individuellen Ziel einer Kooperative, Witz und guten Stil, Fragen nach dem Lebensstil, nach Verzicht, nach Engagement.

 

Die Autorin, Jahrgang 1978, studierte Handelswissenschaften in Wien und Mexiko-Stadt und schreibt für Medien wie „Trend“, „Format“ und „Die Zeit“. Seit 2013 lebt sie mit ihrer Familie im Wohnprojekt Wien, das 2014 mit dem Österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit ausgezeichnet wurde.

 


Barbara Nothegger:

Sieben Stock Dorf.

Wohnexperimente für eine bessere Zukunft.

Salzburg – Wien: Residenz Verlag 2017.

175 Seiten.

Das Böse lauert immer und überall

Die kleine Dorrit findet ihren Großvater manchmal recht seltsam und ahnt, dass zwischen ihren Eltern und Großeltern gar nicht so selten dicke Luft herrscht. Der Prolog dieser Krimifolge um die schrulligen wie effizienten Kommissare Carl, Assad und Gordon des Sonderdezernats Q setzt im Jahr 1995 ein: Die kleine Dorrit erfährt, dass der Großvater Soldat war und will wissen, wohin ihr Papa verschwunden ist. Die Antwort bleibt ihr die Familie schuldig. Im April 2016 heißt Dorrit Denise, ihre Mutter ist Alkoholikerin und sie selbst lebt von einem Sugardaddy zum anderen, der Hass auf ihre Großmutter, die Mutter und Tochter nur allzugern erpresst, fühlt sich echt an. Da kommt sie wieder, die Alte, die Wohlverhalten fordert und mit den Geldscheinen winkt. Denise weiß sich anders zu helfen, blafft die vermeintliche Gönnerin an und haut schließlich ab: Dass die Großmutter wenig später im Park erschlagen wird, scheint nichts mit ihr zu tun zu haben.

Auch Michelle hat es nicht leicht im Leben, zufällig trifft sie Denise am Sozialamt, die coole Jaszmine gesellt sich zu den beiden und gemeinsam lästert dieses Trio über ihre Sachbearbeiterin, die uncoole Anne-Line Svendsen, die immer vom Ernst des Lebens spricht und den Mädchen gnadenlos die Sozialhilfe kürzen, wenn nicht sogar streichen will. Selten hat die Subkultur so gut gerochen, war so gut angezogen und überzeugt davon, auf dem richtigen Weg zu sein, die Verlierer, da sind sich die drei einig, sind die anderen. Denn die wirken nicht einmal cool, sind sehr schlecht angezogen und wissen nicht, wie man andere übers Ohr haut. Ein Selfie folgt dem anderen, ein Mädchen übertrumpft das andere mit seinen Finessen und Tricks, ihr Hass auf Anne-Line Svendsen nimmt bereits bedrohliche Züge an.

Anne-Line oder Anneli, wie sie sich selbst gern nannte, konnte wohl letztlich den Kompass des Lebens – ein Ausdruck ihres Vaters – nicht richtig lesen. Wenn die Männer kamen, schaute sie nach links, obwohl der attraktivste rechts stand. Kaufte sie Kleidung, achtete sie auf ihre innere Stimme statt auf den Spiegel. Und als sei sich für eine Ausbildung entschied, hatte sie mehr den kurzfristigen Verdienst im Auge gehabt als die langfristige Perspektive. (S. 44)

Dass diese Svendsen auch ganz andere Seiten hat, erfahren die drei jungen Frauen nach und nach: Sie halten sich sehr lange für überaus schlau und unverwundbar. Während das Sonderdezernat Q noch den Mord an der alten Frau mitten in Kopenhagen im Park aufzuklären versucht, irritieren die tödlichen Autounfälle, deren Opfer junge Frauen sind. Eigentlich handelt es sich um Mord, hier hat jemand absichtlich nicht gebremst, sondern gestohlene Fahrzeuge beschleunigt.

Während das Sonderdezernat Q diverse Morde in Kopenhagen aufklären soll, ist es mit internen Problemen konfrontiert: Was ist mit ihrer Kollegin Rose, die immer wieder in Depressionen abstürzt? Warum ist sie aus der Psychiatrie entlassen worden und wo hält sie sich derzeit auf? Gemeinsam entdecken die Kollegen, dass Roses Vaters bei einem mysteriösen Arbeitsunfall ums Leben gekommen und Rose damals nur wenige Meter neben ihm gestanden ist. Abgrund reiht sich in dieser Krimifolge an Abgrund: Da ist Dorrits Mutter, die nie damit fertig wurde, die Tochter eines Nazis und einer verbitterten Mutter zu sein; da ist Dorrit, die ihrer Mutter nie verzeihen konnte, dass sie sich dermaßen den Großeltern auslieferte, da ist Rose, die sich die Schuld am Tod des Vaters gibt, da sind die jungen Mädchen, die sich schminken und für ihre Selfies posieren. Und da ist Anneli Svendson, die sich plötzlich mit der Diagnose „Brustkrebs“ abfinden muss: Ungerechtigkeit reiht sich an Ungerechtigkeit, der Boden für Selbstjustiz scheint bereitet, die Spannung hält 575 Seiten lang.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Abgründe, Freundschaften, Verzweiflung, Spannung, Logik, Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Sühne, Auseinandersetzung mit Scheitern, Fragen danach, wann ein Leben aus dem Ruder läuft. Metaphern wie „der Kompass des Lebens“, die bei allen Morden und Mordversuchen, bei allem Kaputtgeschlagenen, sehr nachdenklich machen.

 

Der Autor ist wohl ein Bestsellerautor zu nennen, seine Geschichten um das Sonderdezernat Q lassen ihn die internationalen Bestenlisten regieren. Adler Olsen ist 1950 in Kopenhagen geboren.

 

 

Jussi Adler Olsen:

Selfies.

Thriller.

Der siebte Fall für Carl Morck, Sonderdezernat Q.

Aus dem Dänischen von Hannes Thiess.

München: dtv 2017.

575 Seiten.

Das Leben hinter der Stille

Ein Großteil der Geschichten bzw. Romane Selma Lagerlöfs (1858 – 1940) spielen in der ländlichen, vorindustriellen Welt: Das Schreiben stellte sie über alles, auch über ihre Freundschaften, auch über ihren Eintritt in die Frauenbewegung. Lagerlöf, die 1909 als erste Frau den Nobelpreis für Literatur erhielt und die 1914 ebenfalls als erste Frau in die Schwedische Akademie eintrat, verließ 1881 Mittelschweden, trat in Stockholm zur Lehrerinnen-Ausbildung an und hörte seither nie mehr auf, zu reisen und die Welt zu erkunden. Leicht sei ihr dieser Aufbruch nie gefallen, auch sei es für sie eine Kraftanstrengung gewesen, in der Männerwelt als Schriftstellerin zu bestehen. In einem Brief an ihre Freundin, die Schriftstellerin Sophie Elkan, räumt Lagerlöf mit einigen Mythen um ihre Person auf:

Es handelt sich um eine einzige lange Variation über das Wort Wille. Es ist wirklich so, als sei mir nichts angeboren, sondern als hätte ich meine Begabung selber geschaffen, indem ich sie mir herbeigewünscht habe. Ja, der Ehrgeiz ist mir vermutlich angeboren und die Gabe zu reimen, aber kaum mehr. (S. 9)

Lagerlöf, so erzählen es unzählige Briefe, hat sich im Rampenlicht nie wohl und sicher gefühlt: Sie fürchtete – aus ihren Erfahrungen übrigens zurecht – die Gnadenlosigkeit des Publikums und dessen vernichtende Kritik. Ihre Einladung, Mitglied der Schwedischen Akademie zu werden, nahm sie übrigens an, um Frauen mehr Bedeutung im öffentlichen Raum zu geben. 1911 sprach Selma Lagerlöf beim 6. Internationalen Frauenwahlrechtskongress in der Stockholmer Oper vor 900 Frauen aus 22 Ländern. Lagerlöf setzt sich für AutorInnen u. a. für Nelly Sachs ein, hilft den nach Schweden Geflüchteten und tritt immer wieder für die Frauenrechte auf. Die Briefzitate zeichnen ein vielfältiges Bild der Autorin, die ihre Liebe zu einer Frau immer wieder schreibend reflektiert: Eine mutige Frau, die eigenwillig ist, die stark und zugleich schüchtern auftritt.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie diese Biografie nicht lesen: Eine interessante Zeitreise, Freundschaftsgeschichten, Innensichten, Produktionsbedingungen der großen Selma Lagerlöf, die 1909 als erste Frau den Nobelpreis für Literatur erhielt.

 

Der Autor ist 1962 in Würzburg geboren, studierte Nordische Philosophie und lebt als Autor, Übersetzer und Herausgeber in Stockholm. Er hat u. a. Erzählungen Selma Lagerlöfs in drei Bänden herausgegeben.

 

 

Holger Wolandt:

Selma Lagerlöf.

Värmland und die Welt.

Eine Biografie.

Verlag Urachhaus.

320 Seiten.

Ich will nicht bleiben, wie ich bin

Der Mann ist weg und hat einen Zettel hinterlassen. Der Mann und die Frau, die haben sehr viel gestritten: Die hatten sehr schöne Selbstbilder und sehr hässliche Bilder voneinander. Da musste einfach geschrien werden und dann lief es am nächsten Tag gar nicht schlechter weiter. Man lief in der Spur, man lebte gepflegt, ein Dasein wie im Schöner-Wohnen-Katalog des Lebens.

Für den wuchtigen Körper des Mannes ist es kein geeignetes Sofa, das ich da ausgesucht habe. Es ist hübsch, aber fragil. Der Mann hat sich darüber nie beschwert, er beult es stillschweigend aus. (S. 12)

Die Frau beobachtet an diesem Tag die Schulkinder und träumt. Dass manchmal die Nachbarskinder kommen, freut den Mann und die Frau. Dann erinnert sich die Frau an ihre rasanten Fahrten mit ihrem Fahrrad quer durch Berlin, zum „Haus der Pressekonferenz“, wo sie durch eine simple Ansage eines Namens zurück in ihre Geschichte bzw. Vergangenheit fliegt: Wo waren ihre Träume hin? Wohin hatte sie ihre Verwegenheit gesteckt? Alles wohltemperiert und Ton in Ton ineinander übergehend? Wilde Zeiten erzählt Kapitel zwei, wilde Lieben und wilde Reisen, da sind zwei Freundinnen, die wollen groß rauskommen, die jauchzen und schluchzen, wenn sie die Folgen des Kultfilms „Der Pate“ sehen. So mancher Scheich ist ein Fake, manche Einladung nicht so ernst gemeint, fest steht aber: Auf nach Cannes, zum Filmfestival.

Wieder Jahre später haben es beide geschafft, sie sind etabliert, versteckt rebellisch und erinnern sich gern an ihre Interviews bzw. Auftritte in Cannes, die eine als Journalistin, die andere als Fotografin. Doch, sie haben frischen Wind geatmet und wiederum auch ins Milieu gebracht. Die Ich-Erzählerin sinniert, in welchen Farben sie eigentlich ihre Zukunft malen will, ob dazu die Vergangenheit als Grundierung taugt?

Schließlich entscheidet sich das reflektierende Ich und wählt aus dem ABC seiner Schuldgefühle einen Buchstaben.

Wähle ich D wie Dankbarkeit oder E wie Erleichterung? Oder ein ganz und gar nicht gelassenes U für Unverständnis oder doch wieder V wie Verachtung? (S. 196)

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Witz, Innensicht, Details einer Leidenschaft, Alltag kontra Träume, Erinnerungen, KünstlerInnen-Szene, leicht laszive Gesten und Treffen, Traurigkeit, Aufbruch

 

Die Autorin schreibt Kolumnen für Zeit Online, sie leitet die Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarelle Entertainment und kennt daher die Szene sehr sehr gut.

 

 

Meike-Melba Fendel:

Zehn Tage im Februar

Roman

Berlin: Aufbau Verlag 2017

205 Seiten

Leben im Jetzt zwischen
nirgendwo und irgendwo

Die Autorin Julya Rabinowich weiß, wovon sie schreibt. Selbst als siebenjähriges Kind von St. Petersburg nach Wien emigriert, kennt sie den Alltag als Fremde, als die Neue, als die, die sich erst einfinden muss. Hier lässt sie die 15-jährige Madina frei heraus erzählen und schafft damit ein präsentes, starkes, reflektierendes Ich: Gern folgt man ihr in die Schule, leidet mit ihr, wenn ihr nachgerufen wird „Du stinkst“ und sorgt sich um sie, wenn es ihre Tante Amina in der gemeinsamen Unterkunft einer Pension im Irgendwo wieder einmal zu bunt treibt.

Die Eltern passen sich an die Regeln in der Pension an, die Mutter nimmt kein Essen mit aufs Zimmer, das, was vom Essen, dem Brot, der Wurst und dem Käse, übrigbleibt, rafft die Köchin in ein Plastiksackerl. Ja, sie klaut es. Wie anders könnte man diese Tat denn nennen? Doch hier beobachten Verfolgte und keine Richter und schon gar keine Kläger ihr Tun; Madina fühlt sich gut, wenn sie Brot erhascht hat, mit dem sie vor der Schule oder auch am Abend die Vögel füttert. Rami, ihr kleiner Bruder, ist die Pest und ein Schleimer, er ist dumm und irgendwie auch schutzbedürftig.

Bald kann Madina dem Unterricht folgen und die Hierarchien in ihrer Klasse erkennen. Laura ist ein Alpha-Mädchen, dem viele Mitschülerinnen nacheifern. Doch aus einem sehr unklaren Grund, interessiert sie sich für die Neue, das Flüchtlingsmädchen, das angeblich stinkt und seine dicken Haare zu einem dicken, altmodischen Zopf geflochten trägt. Laura nimmt ihre neue Freundin mit nach Hause, ein Zuhause, das für Madina einem Paradies gleicht, wunderschön eingerichtet, mit Zimmern, in die man sich zurückziehen kann. Lauras Mutter ist manchmal seltsam, aber immer freundlich und an dem Schicksal der Familie mehr als nur oberflächlich interessiert. So etwa bekommen beide Mädchen neue Badeanzüge, während nur Madina sich für ihren alten Badeanzug genierte und den neuen ganz hinten im Kasten in der Pension versteckt. Wenn den die Eltern entdecken! Dann wieder sitzen die beiden Freundinnen im Buswartehäuschen und reden und reden und die Busfahrer schütteln ihre Köpfe.

Es hätte gut gehen können, schließlich lief der Anfang gar nicht so schlecht: Laura achtet darauf, dass die Klasse Madina zumindest in Ruhe lässt, sie lernt mit ihr und beschützt sie. Madina wird immer besser und die Deutschlehrerin, Frau King, fördert sie. Der Vater arbeitet bei Lauras Mama im Garten und pfeift, wenn er zum Arbeiten kommt. Die Mutter und Tante Amina geraten seltener aneinander. Doch da gibt es Briefe von der Großmutter von zuhause, da gibt es Vater, der sich zu oft an die Brust greift, wenn er schwer arbeitet und da gibt es die eine Übernachtung bei Laura: Der Vater stürmt in die Schule, brüllt und drischt auf seine Tochter ein: Wo hat sie diese Nacht verbracht? Rami, der kleine Bruder, muss ab sofort auf sie aufpassen, der Kontakt zu Laura ist gekappt. Hier könnte der Roman enden, aber das wäre kein Roman von Julya Rabinowich, wenn sich in dieser Dunkelheit nicht doch noch ein Türspalt fände.

Frau Wischmann erklärt, dass man in diesem Land keine körperlichen Strafen einsetzen darf. Das ist verboten. Das muss mein Vater akzeptieren, und wenn es nicht noch einmal vorkomme, gebe es keine Anzeige. Sie versteht, dass er außer sich vor Sorge war. Aber. (S. 173)

Laura erklärt ihrer Freundin, dass auch hier Männer ihre Frauen und Kinder misshandeln, dass diese Gewalttäter weggewiesen werden und dass sie, ihr Bruder und die Mutter Opfer eines solchen Gewalttäters waren. Die Narben am Bauch der Mutter erzählen diese Gewaltgeschichte – doch hier geben viele der Mutter die Schuld. Ja, es sei ihre gerechte Strafe gewesen, denn ein Scheit brenne ja bekanntlich nicht. Madinas Vater kehrt ins Nirgendwo zurück, er will seine Mutter schützen und hofft, zurück kommen zu dürfen. Zerrissenheit charakterisiert alle Personen, die Situationen zwischen Vergangenem und der Gegenwart, in der die Pizza einfach gut schmeckt. Und manches schmerzt und manches, Zärtlichkeit und Verliebtheit, sich zu entwickeln beginnt.

 

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Poesie, ganz pure Poesie, kein Abschreiben der Wirklichkeit, sondern deren Gestalten. Charaktere, die in sich gebrochen sind, die sich selbst zusammenkleisterten und einfach weitermachten, die Idee einer besseren Welt, die Macht kleiner Schritte, die Bedeutung, die Erwachsene im Leben Heranwachsender haben.

 

Die Autorin, 1970 in St. Petersburg geboren, 1977 mit ihrer Familie nach Wien gekommen, ist auch gefragte Kolumnistin und Malerin, sie erhielt 2009 den Rauriser Literaturpreis für ihren Roman „Spaltkopf“, weitere Auszeichnungen folgten. 2011 war sie mit einem Auszug ihres Romans „Die Erdfresserin“ für den Bachmann-Preis nominiert. 2016 „Luchs des Monats Dezemeber“ für das vorliegende Buch. Als Dolmetscherin unterstützte sie den Diakonie-Flüchtlingsdient und Hemayat, ein Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende.

 

Julya Rabinowich:

Dazwischen: Ich.

Hamburg: Carl Hanser Verlag 2016.

254 Seiten.

 

 

Ab in die Tiefe!

Genau jetzt mache ich das Richtige. Jetzt ist der Moment! – Menschen, die zu Mirriam – und die schreibt sich so und ich mach ganz selten Tippfehler! – Prieß in die Beratung kommen, sehnen sich nach diesem Gefühl. Resilienz, früher Salutogenese genannt, ist mehr als ein Modebegriff, wird in vielen Facetten beforscht und nur ein einziger Blick in die Klassiker der Kinderliteratur würden allen zeigen: Pippi und Co, die zeigen euch, wie Resilienz geht. Das ist nicht von Dr. med. Prieß, sondern von mir.

Zurück in die Beratung: Hier sitzen erfolgreiche Menschen, die sich nach Lebendigkeit sehnen, die ausgebrannt sind, die einfach nicht mehr können. Funktionieren ginge gerade noch. Dieses Buch ist mehr als ein Ratgeber, mehr als ein Ticket ins Glück: Es ist seriös, es bietet Fallbeispiele, es ist gut gegliedert und dicht geschrieben. „Resilient zu werden heißt, Schwäche zu lösen und Stärke zu entwickeln“. Immer wieder werden die LeserInnen mit interessiertem Nachfragen konfrontiert, verdammt, warum war man gerade gestern bei diesem Konflikt dermaßen verschlossen? Da muss man dann nicht gleich losrennen und sich öffnen wie eine Bierflasche mit Drehverschluss, sondern Prieß frägt weiter nach dem Warum und das zu beantworten fällt nicht immer leicht.

Authentizität fordert Mut zu sich selbst. Dieser Mut ist bei Menschen mit geringer Resilienz kaum ausgeprägt, und das ist eine entscheidende Ursache für deren Mutlosigkeit dem Leben gegenüber. Wer dem Leben kraftvoll begegnen und sich Herausforderungen stellen will, der kann dies nur, wenn er den Mut aufbringt, zu sich selbst zu stehen. Zu sich zu stehen und zu dem, was man in sich spürt. Zu sich zu stehen und der zu sein, der man ist. (S. 157)

Und dass das gar nicht so leicht ist, das steht auf jeder zweiten Buchseite, dass es aber möglich ist, immer gleich dabei: Resilienz kann man sich erarbeiten, das ist eine wichtige Aussage. Vielleicht sollten auch Parteien über Resilienz nachdenken, darüber, wo sie zu sich stehen und wo sie auf Stimmenfang gehen – auch das steht nicht im Buch, aber mit dem bin ja gerade ganz intensiv in Dialog getreten.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: klare, verständliche Analysen zu innerer Stärke, Ermunterungen, Aufforderungen, sich auf den Dialog einzulassen, die Erkenntnis, dass Authentizität stärkt, dass psychische Widerstandskraft erlangt werden kann.

 

Die Autorin Dr. med. Mirriam Prieß ist wohl nirgendwo geboren oder so, was sonst Bücher über ihre AutorInnen so erzählen, aber sie hat acht Jahre an einer psychosomatischen Fachklinik in Hamburg gearbeitet und berät seit 2005 Firmen.

 

 

Mirriam Prieß:

Resilienz.

Das Geheimnis innerer Stärke.

Widerstandskraft entwickeln und authentisch leben.

München: Südwestverlag.

190 Seiten.

Über Sprache und den menschlichen Verstand

Aristoteles charakterisierte Sprache als „Laut mit Bedeutung“, Noam Chomsky dreht die Priorität dieser Formulierung um und philosophiert darüber, dass Sprache als „Bedeutung mit Laut“ zu verstehen sei. Chomsky hat sich stets vehement gegen behavioristische Sprachtheorien gewandt, so geht er auch in dieser Abhandlung klar davon aus, dass Sprache nicht durch Stimulus-Response-Interaktion entstehe bzw. gebildet werde, sondern führt zu zwei Operationen hin, der Externen und der Internen Verknüpfung. Wenn wir wissen und anerkennen, dass Sprache seit 2500 Jahren erforscht wurde und noch immer keine eindeutige Antwort vorliegt, was Sprache eigentlich ist, lesen wir mit Begeisterung weiter.

Chomsky differenziert die I-Sprache – intern, individuell und intensional – von der E-Sprache wie extern. Denken wir an Ferdinand de Saussure, für den Sprache ein „Schatz“ von Wortbildern in den Köpfen der Angehörigen der Gemeinschaft bedeutet: Es muss zu dessen Verwendung eine Form von Vereinbarung zwischen den einzelnen SprecherInnen bestehen, in welcher Form sie diesen Schatz verwenden. Ist Sprache also ein hörbares Zeichen des Denkens? Dem Gebrauch von Sprache wohnt ein kreativer Charakter inne: Grenzenlos innovativer Sprachgebrauch, Ausdruck von Empfindungen, Artikulation von Gedanken, die in anderen Gedanken hervorrufen, die selbst zu denken in der Lage gewesen wären. Bleiben wir bei Wilhelm von Humboldts Aphorismus, nach dem Sprache durch die unendliche Verwendung endlicher Mittel gekennzeichnet ist und lesen wir immer weiter und weiter über Sprachschätze, Semantik und Pragmatik.

Aber wir Menschen sind natürlich soziale Geschöpfe, und welche Art von Wesen wir werden, hängt entscheidend von den gesellschaftlichen, kulturellen und institutionellen Bedingungen unseres Lebens ab. Wir sollten uns daher fragen, welche gesellschaftlichen Einrichtungen den Rechten und dem Wohlergehen der Menschen sowie der Erfüllung ihrer berechtigten Wünsche – kurz, dem Gemeinwohl – zuträglich sind. (S. 133)

 

 

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Buch nicht lesen: Interesse an Linguistik zu entdecken, über Sprache zu philosophieren und über das Gemeinwohl nachzudenken, anspruchsvolle Lektüre, Bezüge zur Gegenwart und zum Gemeinwohlgedanken.

 

Der Autor: Jahrgang 1928, ist emeritierter Professor für Linguistik und Philosophie am Massachusetts Institute of Technology – und das ist wirklich nur der Anfang, schließlich ist hier von einem der berühmtesten Philosophen und Sprachwissenschaftler der Gegenwart die Rede; Chomsky gilt als der Begründer der modernen Linguistik und als einer der Gründerväter der Kognitionswissenschaften.

 

 

Noam Chomsky:

Was für Lebewesen sind wir?

Aus dem Amerikanischen von Michael Schiffmann.

Berlin: Suhrkamp 2016.

248 Seiten.

Ein ganz normaler Vater saß am Küchentisch
als die Polizei kam

Wie jeden Dienstag gab es Fisch; einen besonderen Fisch sogar, Martin und seinen beiden Buben hat das Einkaufen am Fischereihafen Spaß gemacht: Jetzt stinkt das Haus nach gebratenem Fisch, alle sind satt und zufrieden. Ein Polizist und eine Polizistin stehen vor der Tür, wollen mit Martin, dem Ich-Erzähler sprechen und schauen sich aufmerksam in dem Häuschen um. Hier die Spielsachen der Buben, dort ihre unfertigen Zeichnungen, dazwischen die wohl platzierten Fragen: Ob er Selma und ihre Mutter kenne? Wann er die 4-Jährige zum letzten Male gesehen habe? Was da vorgefallen sei? Dann gehen die beiden, der Fischgeruch hängt über der Familienidylle sowie der erste Verdacht. Martin, der Ich-Erzähler, hat bei dieser Befragung gelogen, natürlich besucht er seine Exfreundin und deren kleine Tochter; die Exfreundin hat oft starke Depressionen, Kopfschmerzen und schläft schwer ein, da gibt er ihr die Tabletten, zuvor hat er den Sex mit ihr genossen, so weich wie Lillian ist, viel weicher als Gina, die drahtig ist, im Leben, im Handeln, beim Sex und überhaupt. Gina hat früher in einer Band gespielt, da war Martin noch mit Lillian zusammen, später dann hatte Lillian einen Freund, der Schriftsteller war und er und Gina bauten an ihrer Kleinfamilie.

„Kommt heute die Schlange?“ Das hat Selma gefragt. Damit ist die Spur noch einmal ausgeleuchtet, Martin wirkt fürsorglich, er erzählt von seinen Buben, den Besuchen bei seiner Mutter und davon, wie schwierig er es als Schriftsteller hat.

Ich flüsterte, heute Nacht und in allen anderen Nächten solle sie einfach nur schlafen. Sie drehte sich auf die Seite, wie um mich besser sehen zu können, und da piepste ich, dass es mir leid tue, dass sie in der einen Nacht so Schmerzen gehabt habe. Hab dir nie wehtun wollen, piepste ich. Dann sagte ich zu ihr, dass wir uns heute zum letzten Mal sehen würden, oder zumindest miteinander sprechen, und indem ich mich so angestrengt wie möglich bemühte, nicht zu weinen, flüsterte ich, dass sie, bis sie groß sei, nie vergessen dürfe, dass ich ihr nie etwas Böses gewollt hatte. Nie, piepste ich, nie. (S. 45)

Die Andeutungen sind gestreut, die Spannung steigt und plötzlich kapiert man, was genau so neu an diesem Roman ist: Es ist die Perspektive. Es ist ein Täter, der hier schreibt, der sich lange nicht als Täter begreift, der seine Übergriffe auf die 4-jährige Tochter seiner Exfreundin und jetzigen Geliebte schon bereut, ja, schon. Aber ist das ausreichend für die LeserInnen? Keine Verfolgungsjagd, sondern stetes Dahintröpfeln der Handlung, viele Rückblenden in das frühere wilde Leben der Musikgruppe, der jungen Leute, die viele mutige Ideen hatten, die auf Sicherheit pfiffen, sich verliebten: Lillian, die Künstlerin, die zerbrechlich ist, die immer wieder aus der Wirklichkeit fällt, so lange, bis sie der Kindesvater schließlich verlässt und abhaut. Und einen Roman schreibt, den liest der Ich-Erzähler später dann im Gefängnis, ja er ist verhaftet worden, sitzt seine Strafe ab. Inzwischen hat Gina einen neuen Freund, der soll ja jetzt bei ihr und den Buben wohnen. Was die beiden wissen? Gina hat ihnen gesagt, er habe keinen Menschen getötet. Was weiß die Mutter?

Sexuellen Übergriff bzw. Missbrauch aus der Sicht des Täters zu lesen, schafft Distanz zum Geschilderten, lässt Fragen stellen, aber was soll es, Lillian war immer gut mit Schlaftabletten versorgt, die konnte ja nichts merken? Wollte sie nichts merken, was bemerkte Gina? Das sind Fragen, die nicht beantwortet werden. Aber die Geschichte Martins, der gut für seine Söhne gesorgt hat, der sich auch sehr um seine labile Jugendliebe und deren Tochter Selma gekümmert hat, trifft. Da ist einer, der nimmt Vaterschaft ernst, der leidet, dass seine Söhne jetzt ausgegrenzt sind, mit ihm, dem Vater, der im Gefängnis sitzt.

Martin besucht Gina an seinem Geburtstag, die Buben sind da, er ist zu früh, der Garten ist verwildert, die Fenster schmutzig: Rauskommen aus dem Gefängnis, die Strafe abgesessen, gesühnt? Große Fragen wirft der Roman auf, niemals lässt der Autor offen, dass Martin sein Tun bereut, es als falsch erkennt.

 

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Abgründe neben Idyllen, Differenziertheit, Milieus, Entwicklung von Menschen, Auseinandersetzung mit Schuld, Sühne, Vergebung und Rache, Weiterleiben nach Einbrüchen.

 

Der Autor: ist 1974 in Norwegen geboren, er lebt aktuell in Oslo; dieses Buch ist sein Romandebüt; für seine Erzählungen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen.

 

 

Bjarte Breiteig:

Meine fünf Jahre als Vater.

Roman.

Aus dem norwegischen von Bernhard Strobel.

Wien: Luftschachtverlag 2016.

 

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