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Auf der Suche nach Freiheit

Dass zwei in ein Klavier steigen, kriechen wollen, davor aber einen Apfel essen und noch davor diesen teilen wollen, ist so ungewöhnlich nicht. Ein bisschen vielleicht. Aber sie ist eine Königstochter, geflohen, verwirrt und doch beharrlich ihren Weg gehend, und er ein junger Mann, kein Prinz, kein Frosch.

Ein junges Paar küsst sich, fährt sich durchs Haar und berührt sich dort, wo es sich nach königlicher Verordnung nicht schickt. Die beiden führen mir vor Augen, dass du und ich das sowieso nie gekonnt hätten … (S. 60f)

Die Dialoge sind surreal, bewusst klischeehaft: „Im Meer kann man ertrinken“ oder „Wir hatten nie eine Chance“. Dazwischen der gemeinsame Weg, die gemeinsame Flucht: Die Königstochter sucht ihre Freiheit, will eigentlich allein ihren Weg gehen, will sich nicht aufhalten oder gar aufgehalten werden. Viel Landschaft, viele Hindernisse bietet dieser Romanerstling, man muss sich seinen Weg erkämpfen, sich frei laufen, doch, es ist Kampf, geschenkt gibt es hier auch für Prinzessinnen nichts. Oder für sie eben erst nichts. So manchen Berührungen wohnt Brutalität inne, man ist immer wieder erstaunt, wie das Gegenüber auf Sätze, Bewegungen und Schläge – kurz, nie zu fest – reagiert. Man wendet sich einander zu, dreht sich dann wieder weg. Wächter und Folterknechte durchziehen die Straßen, tauchen auf, wenn man kurz vergessen hat, dass die Parallelwelt zur Gegenwart keine wohnliche, soziale und ermunternde war. Doch immer schickt einen der Autor los, man läuft in die falsche Richtung, will der Prinzessin helfen, erinnert sich an alle Barockromane, die man je gelesen hat.

Auf der Straße liegt ein verkohlter Perserteppich, in den jemand eingewickelt ist, ich sehe nicht genau hin. (S. 120)

Und gegen Ende gibt dann auch noch der König seinen überzeugenden Auftritt, er will siegen, seine Tochter zurück, er duldet keine Widerworte. Die Figuren sind ausgewählt, wir treffen Max, der von der Revolution und von Demokratie träumt, der den Aufstand gegen den König unterstützt. Und dennoch: Der Despot scheint zu siegen, alles zu beherrschen, da Menschen andere Menschen an ihn verraten und ausliefern. Der Text liest sich wie ein Bühnenstück, man inszeniert lesend die Landschaften, die Wege, die Figuren und schaut kurz nur kurz in die aktuelle Tageszeitung. Doch, da ist sie, die Flucht und im Buch ist sie auch: Schutz, Ankommen, in ein blaues Klavier steigen und einen Apfel essen.

  

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Narretei, verwobene und verwickelte Erzählstränge, bizarre Liebesgeschichte, frischen Erzählton, der kühn seine eigene Muster entwirft, Überwachungsgebärden und Rückzüge.

Der Autor:  1992 in Mistelbach geboren, 2010 schrieb er sein erstes Jugendbuch „Sechzehn“, es folgen Prosa- und Theatertexte, die mehrfach ausgezeichnet werden. 2017 erscheint sein bisher letztes Stück „Werbung, Liebe, Zuckerwatte“. „Im Inneren des Klaviers“ ist Wurmitzers Romandebüt.

Mario Wurmitzer:
Im Inneren des Klaviers.
Roman.
Wien: Luftschacht Verlag 2018.
175 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“