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Auf dem Weg zu einer Generation des Friedens

Fast 70 Jahre lang prägten bewaffnete Konflikte das südamerikanische Kolumbien. Inzwischen sind die Menschen um Frieden bemüht so wie Ana María Berrío Ramírez und Melissa Villegas Franco vom Frauenrechtsverein „Vamos Mujer.“

Seit ich denken kann, gab es in meiner Heimat viele verschiedene Fronten. Einmal kämpften Guerillagruppen gegeneinander, dann wieder trugen Paramilitärs und die Regierung blutige Konflikte aus“, sagt Ana María Berrí­o Ramí­rez (52) vom Frauenrechtsverein „Vamos Mujer“. Seit den 1970er-Jahren ist die NGO in ländlichen Regionen des Departements Antioquia sowie in Slums der Metropole Medellí­n aktiv. Ziel des Vereins ist die Sensibilisierung von Mädchen und Frauen für unterschiedliche Formen von Gewalt, die aus der Haltung des Machismo resultieren und durch die politischen Spannungen im Land verstärkt werden. Neben juristischer Begleitung der Opfer von Gewalt und Trainings in friedlicher Konfliktlösung ist der Verein auch gesellschaftspolitisch aktiv und versucht, die Position der Frau in Kolumbien nachhaltig zu verbessern.

FRAUEN STÄRKEN
„Bewusstheit ist der Schlüssel dazu“, weiß Ana Marí­a Berrí­o Ramírez. Dass in ihrem Land Gewalt omnipräsent ist, sei ihr lange nicht bewusst gewesen. Erst in den 1990ern, als der Drogenhandel blühte und jeden Tag Politiker der sozialen Partei „Unión Patriótica“ ermordet oder vertrieben wurden, wurde es ihr klar. „Ich war damals Mitte 20, beschäftigte mich in meinem Studium mit Landwirtschaft und Ernährungssouveränität und spürte: So darf es nicht weitergehen! Also beschloss ich, mich sozial zu engagieren und Selbstbewusstseinsseminare für Bäuerinnen zu veranstalten, denn Frauen am Land erleben Übergriffe auch durch Enteignungen und verlieren so jede Lebensgrundlage.“
Die Grundlage für ihr Engagement sei die Erinnerung an ihre Großmutter Maria Anselma gewesen. „Auch sie war Bäuerin. Als Kind habe ich viel Zeit auf ihrem Hof verbracht und mitbekommen, wie hart Landwirtinnen schuften. Ich wollte nicht, dass Militärs und Guerillas den Frauen ihre Existenz rauben“, sagt Ramírez. Schließlich hatte ihr die Großmutter immerzu erklärt, wie wichtig Autonomie für Frauen sei. Und wie groß die Gefahr, Gewalt zu erleben, wenn man von Männern ökonomisch oder emotional abhängig ist.

UNABHÄNGIG WERDEN
„Ich sah das zu Hause: Mein Vater, ein Polizist, war ein unsäglicher Macho. Ständig versuchte er, meine Mutter, eine Hausfrau, zu dominieren. Er dachte, er habe sie in der Hand, weil er das Geld nach Hause brachte. Vor jeder Entscheidung sollte sie ihn um Erlaubnis bitten, selbst beim Friseurbesuch. Auch das Tragen von Hosen wollte er ihr verbieten, weil sich das seiner Ansicht nach für Frauen nicht schickte. Aber meine Mama Rosa ließ sich das nicht bieten. Um sich von seinen Regeln freizuspielen, fing sie an, Lebensmittel zu verarbeiten und zu verkaufen, um finanziell unabhängig zu werden,“ erzählt Ramí­rez. Auch sie habe später in ihrer Ehe ähnlich gehandelt. Als ihr Mann die Meinung äußerte, dass Frauen kein Recht auf Selbstbestimmung hätten, reichte sie die Scheidung ein.

SELBSTVERTRAUEN GEWINNEN
Genau diese persönlichen Erfahrungen sind es, die Ramí­rez nun in ihrer Arbeit beim Frauenverein „Vamos Mujer“ nützlich sind, denn mit ihrer Geschichte können sich viele Frauen, die sie begleitet, identifizieren. „Offen über Grenzüberschreitungen zu sprechen erfordert Mut, ist aber enorm entlastend und befreiend. Man erfährt Verständnis und Mitgefühl, erkennt, dass andere Ähnliches erlebt haben, und entwickelt ein besseres Körpergefühl und Gespür, um Übergriffe wahrnehmen und sich selbst verteidigen zu können“, so Ramírez.
Ihre junge Kollegin Melissa Villegas Franco (27), eine Entwicklungspsychologin, die sich bei „Vamos Mujer“ um Opfer des bewaffneten Konflikts kümmert und seit Kurzem in der NGO als Mediatorin und Coachin für Mädchen arbeitet, pflichtet ihr bei: „Früher blieben unangenehme Situationen, die die Mädchen im häuslichen Umfeld oder auf der Straße erlebten, diffus. Mittlerweile können sie Vorfälle präzise nacherzählen und auch benennen, warum es dazu kam. Es ist großartig, wie diese heranwachsenden Frauen dank Austauschrunden und Rollenspielen ihre anerzogene Scheu ablegen und an Selbstbewusstsein gewinnen.“
Doch viele Familien überfordere dieses neue Selbstwertgefühl. Während sich die Mädchen weiterentwickelten, verharre das Umfeld häufig in traditionellen Denkmustern und emanzipiere sich nur schleppend, sagt Villegas Franco. „Viele Mütter und Großmütter wollen, dass ihre Töchter und Enkelinnen angepasst leben wie sie. Doch die Mädchen treffen eigene Entscheidungen und zeigen den Älteren, dass Unterwürfigkeit der falsche Weg ist und ein achtsamer Dialog zwischen den Generationen und Geschlechtern die bessere Lösung.“
Um solche Gespräche gewaltfrei gestalten zu können, bietet „Vamos Mujer“ im Rahmen des Projekts „Cuerpaz“  Schutzräume an und lädt auch Angehörige und FreundInnen der Mädchen zu Reflexionsrunden ein. „Unser Projektname bringt unsere Ideologie auf den Punkt, denn ,cuerpo` heißt Körper und ,paz‘ Frieden. Ein Körper muss frei von Gewalt sein, um gewaltfrei agieren zu können“, sagt Villegas Franco. Dann hält sie inne und strahlt: „Es freut mich sehr, dass hier gerade eine junge Generation mit einem neuen Körperbewusstsein heranwächst, die in ihrem unmittelbaren Umfeld den Weg für einen nachhaltigen Frieden bereitet.“

DIALOGE ANREGEN
Immer mehr Menschen würden erkennen, dass jede und jeder auf seine Weise Übergriffe erfahren habe und sich nach einem Leben in Würde sehne. Jugendliche sähen, dass Gespräche sinnvoller seien als Bandenkriminalität. Frauen entwickelten ein modernes Rollenverständnis und Männer neue Identitäten. „Selbst eingefleischte Machos bemerken, dass Gewalt an Frauen sie nicht zu Champions macht und der Aufbau liebevoller Beziehungen viel mehr lohnt als die Aufrechterhaltung einer Dominanz, die nur zu Vereinsamung und Gewalt führt. Inzwischen unterstützen uns auch Männergruppen und erläutern anderen Männern, dass Geschlechtergerechtigkeit auch durch eine moderne Rollen- und Arbeitsaufteilung sichtbar werden muss“, sagt Villegas Franco. Klar gebe es noch Männer, die dagegen protestierten. Doch dann erzählt sie stolz von ihrem Papa John Jaero, der schon vor 30 Jahren ein emanzipierter Mann gewesen sei: „Er kochte, wusch, bügelte und umsorgte uns Kinder, während Mama in der Bank arbeitete. In seinem Fall hatten seine älteren Schwestern, die ihn nach dem Tod der Mutter großzogen, diese Weiterentwicklung angestoßen.“

Offen über Grenzüberschreitungen zu sprechen erfordert Mut, ist aber enorm entlastend und befreiend.
Ana Marí­a Berrí­o Ramírez, Frauenrechtsverein „Vamos Mujer“, Kolumbien

Zwei Generationen, ein Ziel: Ana Marí­a Berrí­o Ramí­rez und Melissa Villegas Franco helfen in Kolumbien mit, den Geist des Miteinander, der seit den Friedensverhandlungen spürbar ist, weiterzutragen.

Auch Sie können einen Beitrag zum Frieden leisten:
Die Katholische Frauenbewegung Österreichs (kfbö) unterstützt den Verein „Vamos Mujer“ über die „Aktion Familienfasttag“.
Spenden sind jederzeit möglich: www.teilen.at

Erschienen in „Welt der Frauen“ 10/18