Nach einer Gehirnblutung verlor Nora Eberlin ihre Sprache. Ihre Devise in der Aphasie-Rehabilitation: nicht aufgeben. Wie sie nach langer Therapie wieder Worte fand.
Sprache entsteht in Sekunden und kann ebenso abrupt verloren gehen. So erging es Nora Eberlin. Die 62-jährige Wienerin lebt mit ihrem Kater und Blick ins Grüne in einem betreuten Wohnhaus. Hier fühle sie sich wohl, erzählt sie, es gehe ihr gut. Auf ihren Wunsch hin sind die Neurolinguistinnen Jacqueline Stark und Christiane Pons, die die Selbsthilfegruppe „Aphasie-Club“ in Wien leiten und sie ebenso im Alltag unterstützen wie ihre Familie, beim Gespräch anwesend. Nora Eberlin spricht verständlich, manchmal sucht sie nach Worten. Der Weg dorthin war lang.
Im Februar 1995 sei sie beim Skifahren plötzlich zusammengebrochen, erinnert sie sich. Eine angeborene Gefäßfehlbildung hatte eine Gehirnblutung ausgelöst. Eine halbseitige Lähmung, die heute noch besteht und das Gehen erschwert, und eine globale Aphasie waren die Folge – die schwerste Form einer Sprachstörung nach Schädigung des Gehirns. Monatelang habe sie kaum gesprochen, Fortschritte seien zunächst ausgeblieben. Nach ihren damaligen Gefühlen gefragt, antwortet sie: „Ich habe nicht so viel darüber nachgedacht. Meine Eltern haben mir sehr geholfen.“
Leben mit Aphasie
In der Reha sei plötzlich ihr erstes Wort gefallen: Schwarzwälder Kirschtorte. Alle seien erstaunt gewesen, erzählt sie lachend. Warum ausgerechnet dieses lange Wort gekommen sei, wisse sie nicht – das sei nicht einmal ihre Lieblingstorte.
Gut zu wissen:
Aphasie ist eine erworbene zentrale Sprachstörung infolge einer Schädigung des Gehirns, meist durch einen Schlaganfall, aber auch durch Schädel-Hirn-Traumata, Hirntumoren oder entzündliche Erkrankungen. Es können alle sprachlichen Modalitäten betroffen sein: Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben. Die Ausprägung variiert individuell. Die schwerste Form ist die globale Aphasie, bei der alle sprachlichen Funktionen massiv beeinträchtigt sind. Laut dem deutschen „Bundesverband Aphasie e. V.“ sind circa 0,2 Prozent der Bevölkerung betroffen.
Mehr Infos: aphasie-club.at
Trotz einzelner Wörter blieb die globale Aphasie zunächst bestehen. Die weitere Therapie setzte sie 1996 bei Jacqueline Stark und Christiane Pons fort, die damals an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zu Aphasie forschten. Zu Beginn der mehrjährigen Therapie habe sie unter starken Wortfindungsstörungen gelitten und kaum schreiben können, berichtet Nora Eberlin.
Rehabilitation: Die Sprache wiederfinden
Der Wendepunkt sei mit dem Zeichnen gekommen – einer Fähigkeit, die die gelernte Grafikerin weiterhin beherrschte. Durch das Zeichnen, das Beschreiben ihrer Bilder und später auch durch Dialoge dazu sei die spontane Sprache Schritt für Schritt zurückgekehrt, erinnert sie sich gemeinsam mit den Therapeutinnen. Eine wichtige Rolle habe dabei auch die Unterstützung und Zuwendung ihrer Mutter gespielt.
Anderen Betroffenen rät sie, nicht aufzugeben und die Therapie stets fortzusetzen. Wichtig sei es auch, sich nicht einzukapseln und Freund:innen zu treffen. Sie selbst besuche regelmäßig den „Aphasie-Club“ – für Gemeinschaft und Sprachtraining.
