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Am siebten Abend

Etwas Schönes im Hässlichen. Etwas Zartes im Rohen. Helles im Dunkel. Herstellen lässt sich das Staunen nicht. Oder vielleicht doch ein bisschen?

Worüber ich staune: über etwas, was mich berührt. Manchmal berühren mich die Lichter im Regen. Mein Nacken ist feucht und der Wind fährt in jede Ritze. Ich repetiere die Einkaufsliste, die immer länger wird, je näher das Fest kommt. Und plötzlich sehe ich die Lichter. Es sind nicht einmal die weihnachtlichen Lichter der Sterne in den Fenstern, es sind schlicht die Lichter der Autos, wie sie verschwimmen auf den nassen Gläsern meiner Brille, wie sie sich spiegeln in den Pfützen. Und ich staune. Dass ich etwas so Banales so schön finden kann.

Autos sind nicht romantisch. Sie schleudern Dreck in die Luft. Sie sind laut. Sie brauchen viel Platz. Und wenn man Pech hat, nehmen sie einem die Vorfahrt. In meinem vorweihnachtlichen Herzen ist eigentlich kein Platz für Autos. Da gehört Vanille hinein und Kerzenschein und das Lied vom leise rieselnden Schnee. Alle Jahre wieder schön. Aber zum Staunen bringt mich das nicht.

Staunen lässt mich ein Moment, mit dem ich nicht rechne. Ein Gefühl, das eigentlich in einer ganz anderen Spur läuft als die Situation, in der es auftaucht. Staunen lässt mich etwas Schönes im Hässlichen. Etwas Zartes im Rohen. Helles im Dunkel. Ein plötzliches Gefühl von Geborgenheit am Rand einer vierspurigen Straße. Das ist das Wunder. Ein Baby im stinkenden Stall. Gott außerhalb der Himmel. Ich habe mich schon immer gefragt, wie eine so rohe Geschichte wie die Weihnachtsgeschichte so romantisch interpretiert werden kann. Da ist ja nicht viel Schönes: Ein ungeplantes Kind, ein Esel, aber kein Haus, ein abweisender Wirt, ein kalter Stall, ein mordender König, eine Flucht ins Ungewisse. Nichts, wonach man sich sehnt. Und trotzdem eine Sehnsuchtsgeschichte. Vielleicht, dass alles gut werden soll. Wie im Märchen. „Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.“

Darauf hoffe auch ich. Ich will nicht aufhören, darauf zu hoffen, selbst wenn mich die Realität manchmal auslacht. Ich hänge selber Sterne ins Fenster. Ich binde einen Adventskranz und zünde die Kerzen an. Ich backe Kekse und singe Lieder, weil ich das mag und weil das auch eine Art von Geborgenheit ist. Aber der Weihnachtsmoment geschieht woanders. Ich kann ihn nicht planen und ich kann ihn nicht machen. Er geschieht da, wo ich mich aussetze. Er geschieht da, wo ich am allerwenigsten damit rechne. Er geschieht da, wo ich gerettet werde. An sechs Abenden eile ich nach Hause, frierend, müde, genervt. Am siebten Abend geschieht etwas, und ich sehe plötzlich etwas, was ich vorher nicht gesehen habe. Ein Gefühl klopft an mein Herz, und es liegt an mir, ob ich es hereinlasse. Oder ob ich bleibe im Vertrauten, Ärger und Nieselregen und Früher-war-mehr-Schnee.

Der Himmel trifft die Erde auf einer Ampelkreuzung um 16.35 Uhr. Dann ist Weihnachten.

So geht’s:

„Kein Ohr hat ihren Spruch vernommen / unsichtbar jedes Menschen Blick / sind sie gegangen wie gekommen / doch Gottes Segen blieb zurück!“
Halte Herz und Ohren offen. Finde Weihnachtsmomente,  wo du sie nicht erwartest.

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/17