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Alles Gute kommt in Pärchen?

Die Gespräche mit meinem Umfeld haben in letzter Zeit eine ungeahnte Wendung genommen. Seit unser Arzt  sich sehr sicher ist, dass es sich bei meinem Untermieter um ein Mädchen handelt schlägt eine Welle der Erleichterung um sich. Alle, die mir zuvor mehrfach versichert hatten: „Hauptsache gesund“ sei das Allerwichtigste, sind nun verzückt vor Freude, dass wir ein Pärchen haben werden, also quasi von jeder Sorte eines oder so. Woher kommt dieses Idealbild der zwei Kinder mit unterschiedlichen biologischen Geschlechtern? Zwei meiner absoluten Lieblingsfamilien im Umfeld sind jeweils fünfköpfig und bestehen einmal aus drei kleinen Mädchen sowie einmal drei kleinen Buben. Das ich sie so mag liegt natürlich nicht daran, dass die Kinder alle das selbe Geschlecht haben, sondern einfach, dass es tolle, liebevolle Menschen sind. Trotzdem habe ich schon oft in Gesprächen erlebt, dass es quasi vorausgesetzt wird, dass alle Eltern automatisch diesem Idealbild nacheifern und dass Familien fast bemitleidet werden, wenn sie nicht mindestens aus einem Bub und einem Mädchen bestehen.

Ich finde es großartig, dass wir ein Mädchen in unserer Familie willkommen heißen dürfen und frage mich ob ich nicht vielleicht auch insgeheim den Wunsch gehegt hatte unser zweites Kind möge ein Mädchen sein. Alleine um meine Einhornstoffsammlung endlich im großen Stil nicht nur für mich vernähen zu können, ok ich gebe zu, auch Michael hat das ein oder andere Einhorn verpasst bekommen aus Prinzip und weil ich keine Freundin der strikten rosa-hellblau-Trennung bin. Lustigerweise befinden sich in unserer Wickelkommode bereits mindestens zwanzig qietschrosarote Kleidungsstückchen, die uns Verwandte schon geschenkt haben. Ich nehme mir natürlich vor unserem kleinen Schatz, genau wie dem Michi, keine geschlechtsspezifischen Rollen und Verhaltensmuster aufs Auge zu drücken und wachsam zu sein, was meine eigenen Vorstellungen betrifft. Ich bin sehr zuversichtlich, dass uns dieses kleine Persönchen genau wie sein großer Bruder von sich aus zeigen wird, was es braucht und was es fasziniert. Und wenn es so wie ich eine „ich-trage-nur-rosa“-Phase haben wird soll mir das genauso recht sein. Wir freuen uns jedenfalls sehr und sind unendlich neugierig auf die Kleine, die unsere Welt sicher wieder gehörig auf den Kopf stellen wird.

Susi Nagele-Krautgartner

wurde 1982 geboren und lebt mit Mann und Sohn in München. Die promovierte Kunstpädagogin und Künstlerin realisiert Kunst- und Kunstvermittlungsprojekte verschiedener Sparten im In- und Ausland. Dafür wurde die gebürtige Innviertlerin bereits mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Themen wie Gleichstellung, Gender und deren lebenspraktische Umsetzung beschäftigen sie in all ihren Texten und Bildern. Der Blog ist die Fortsetzung von “Susis Babyzeit” (2014-2016). www.susikrautgartner.com