Während einer Audienz im Vatikan bezeichnet Papst Leo XIV. Schwangerschaftsabbrüche als „größten Zerstörer des Friedens“. Eine Botschaft, die kaum deplatzierter sein könnte.
Irritiert blicke ich auf den Bildschirm meines Smartphones, nachdem ich einen Medienbericht über die zuletzt getätigte Aussage des Papstes gelesen habe, wonach Schwangerschaftsabbrüche der „größte Zerstörer des Friedens“ seien – ein Zitat der heiliggesprochenen Mutter Teresa. Es sind Worte, die mich noch Tage später beschäftigen und meine Wut immer weiter steigern.
Nicht nur, weil sich erneut ein Mann in hoher Position anmaßt, sich lautstark in höchstpersönliche Entscheidungen über den weiblichen Körper einzumischen. Und auch nicht allein, weil Frauen damit de facto kriminalisiert und in die Täterinnenrolle gedrängt werden, obwohl kaum eine Abtreibung leichtfertig, sondern mitunter aus schweren Notlagen heraus erfolgt. Vor allem frage ich mich: Wenn Abtreibungen der größte Zerstörer sein sollen, auf welchem Platz rangiert dann die allgegenwärtige Gewalt in der Welt?
Wo bleibt der große Aufschrei?
Wir leben in einer Welt voller schwerwiegender Krisen: sei es der seit Jahrzehnten andauernde Konflikt im Nahen Osten, der Krieg in der Ukraine oder die sich weltweit häufenden Menschenrechtsverletzungen. Besonders wenn es um Frauen geht, frage ich mich: Wo bleibt hier ein derart lauter Aufschrei des Papstes? Etwa wenn es um die gravierenden Einschränkungen von Frauenrechten geht, zum Beispiel im Iran oder in Afghanistan, wo Gewalt gegen Frauen und Kinder mittlerweile per Gesetz erlaubt ist, sofern sichtbare Spuren gering bleiben?
„Letztlich sollte klar sein, dass Platz eins der Friedenszerstörer nur einer gehört: der Gewalt.“
Wo zu Femiziden, wenn laut einem Bericht der Vereinten Nationen alle zehn Minuten eine Frau nur aufgrund ihres Geschlechts getötet wird? Wo ist die Empörung über Fälle wie den von Gisèle Pelicot oder einen ähnlichen Fall, bei dem ein Ring von Männern aufgedeckt wurde, die Bilder ihrer betäubten und vergewaltigten Partnerinnen online geteilt haben? Wo, wenn es um die Epstein Files geht?
Damit soll nicht behauptet oder unterstellt werden, dass sich Papst Leo nicht zu Gewaltthematiken, insbesondere gegen Frauen, geäußert habe. Diese Aussagen gibt es. Doch dies geschah – zumindest in meiner Wahrnehmung – bei weitem nicht mit der gleichen Schärfe und Deutlichkeit wie zuletzt bei diesem Eingriff in die körperliche Selbstbestimmung. Es ist schade, dass sich das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, deren Anhänger:innenschaft zu großen Teilen aus Frauen besteht, lieber darauf konzentriert, diese erneut an den Pranger zu stellen, anstatt sein Amt zu nützen, um sich regelmäßig und lautstark schützend vor Frauen zu stellen. Denn letztlich sollte klar sein, dass Platz eins der Friedenszerstörer nur einer gehört: der Gewalt.
